Autonome Mobilität als weiteres Beispiel für Automatisierung
Neben der Robotik hat auch die autonome Mobilität wieder Fahrt aufgenommen. Dank der Fortschritte in Bereichen wie Sensorik und vor allem der Künstlichen Intelligenz hat die zuvor etwas ins Stocken geratene Automatisierung der Mobilität ebenfalls Fortschritte machen können. Fahrzeuge mit hohem Automatisierungsgrad sind bereits in ausgewählten Anwendungsbereichen unterwegs, wenn auch meist in klar abgegrenzten Betriebsgebieten.
Streng reglementierte Strecken auf Betriebsgeländen können schon heute mit autonomen Shuttles ganz ohne menschlichen Fahrer befahren werden. Auch hier bieten sich wieder Logistikzentren als Vorreiter an. Da sie unter hohem Effizienzdruck stehen, kommen sie mit immer weniger menschlichen Arbeitskräften aus und sind damit ein optimales Testfeld für die autonome Mobilität.
Im öffentlichen Raum bleibt es dagegen erst einmal bei intelligenten Assistenzsystemen, die den Menschen entlasten, aber nicht aus der Verantwortung nehmen. Denn auch hier stellt sich natürlich die Frage: Wer haftet für eventuelle Unfälle mit Sach- und Personenschaden?
Der Wandel der Haftungslandschaft
Bislang sind Haftungsfragen vergleichsweise klar geregelt: Bedient ein Mitarbeiter eine Maschine fehlerhaft oder verursacht ein Fahrer einen Unfall, lässt sich die Verantwortung meist eindeutig einer Person zuordnen.
Mit den autonomen Systemen wird die Haftungsfrage aber deutlich komplexer. Sie handeln auf der Basis von Informationen aus verschiedenen Sensorsystemen, die von Software verarbeitet werden. Damit entsteht eine Handlungskette mit zahlreichen Beteiligten: Hardwareherstellern, Softwareentwicklern, Betreibern, Systemintegratoren und Datenanbietern.
Kommt es nun zu einem Vorfall mit einem Schaden, stellen sich gleich mehrere Fragen:
War die Sensorik fehlerhaft? Hat ein Softwarefehler die Entscheidung des Systems beeinflusst? Wurde ein fehlerhaftes Update eingespielt? Oder lag die Ursache doch in einer unsachgemäßen Nutzung?
Die Verantwortung kann sich somit von einem einzelnen Anwender hin zu komplexen technologischen Systemen verschieben, bei denen verschiedene Parteien involviert sind. Für Versicherer bedeutet das letztlich, dass klassische Haftungsmodelle hier zunehmend an ihre Grenzen stoßen und mit neuen Modellen ergänzt werden müssen.
Paradox ist dabei, dass die technologischen Innovationstreiber gerade die Reduzierung von Unfällen als einen wesentlichen Vorteil autonomer Systeme anführen. Maschinen machen eben keine Fehler, weil sie übermüdet, abgelenkt oder unkonzentriert sind. Doch wie bei fast jeder technologischen Innovation gibt es auch hier einen Haken: Während es sich bei menschlichen Unfällen meist um Einzelfälle handelt, können technische Fehler bei autonomen Systemen zu Kaskaden führen. Ein fehlerhaftes Software-Update oder auch ein Cyberangriff auf vernetzte Systeme können zahlreiche autonome Einheiten gleichzeitig betreffen.
Für Versicherer entsteht eine neue Haftungslandschaft, weil Risiken auch miteinander korrelieren können. Schäden treten dann nicht mehr isoliert auf, sondern können viele Systeme betreffen. Zudem kann beispielsweise ein fehlerhafter Algorithmus auch andere Systemkomponenten betreffen und dort zu weiteren Fehlern führen. Wie bei einer komplexen mathematischen Berechnung, bei der es schon bei der ersten Teilaufgabe einen Fehler gab, sind dann auch alle folgenden Aufgaben fehlerhaft.
Fazit: Wie Versicherer reagieren können
Die Verbreitung autonomer Systeme ist ohne Frage ein weiterer großer technologischer Umbruch, wie vor vielen Jahren die Industrialisierung und zuletzt die Digitalisierung. Die Versicherungswirtschaft hat diese Umbrüche immer begleitet und sich entsprechend angepasst. Das wird sicher auch jetzt wieder so sein.
Ein wichtiger Ansatz besteht in der Entwicklung neuer Deckungskonzepte, die speziell für autonome Robotersysteme und Fahrzeuge konzipiert sind. Hier geht es nicht mehr um klassische Haftungsfragen, sondern auch um die Integration von Produkt- und Cyberrisiken.
Die Innovation der autonomen Systeme eröffnet den Versicherern aber auch neue Optionen und Chancen bei der Risikobewertung. Roboter und Fahrzeuge erzeugen für ihre autonomen Funktionen zahlreiche Telemetrien, die kontinuierlich Daten über ihren Zustand, ihre Nutzung und ihre Umgebung erzeugen. Mit diesen Daten können auch Risiken genauer bewertet, Schäden analysiert und aufgeklärt sowie präventive Maßnahmen abgeleitet werden.
Ähnlich wie beim digitalen Immunsystem der IT wandelt sich die Versicherungswirtschaft auch hier vom reinen Schadensregulierer zu einem aktiven Risikopartner. Dabei geht es nicht mehr allein um Versicherungen am Ende der Wertschöpfungskette. Stattdessen gewinnen Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfung mit allen Beteiligten an Bedeutung.
Text: Falk Hedemann