Digitalisierung & Technologie, 8. Juli 2026

Wenn der Blechkollege schubst

Wer haftet, wenn humanoide Roboter und autonome Systeme Fehler machen?

Wer haftet, wenn humanoide Roboter und autonome Systeme Fehler machen?

Ein ganz normaler Montagmorgen in einem hochmodernen Logistikzentrum: Robert Alpha greift nach einer Kiste, doch er gerät ins Straucheln, rudert mit den Armen, um den Sturz zu vermeiden, schubst dabei einen Kollegen, dem anschließend die schwere Kiste auf den Fuß fällt. Den Sturz konnte Robert vermeiden, aber der Fuß des Kollegen ist gebrochen. Bei aller Tragik für den verletzten Kollegen ist das nüchtern betrachtet ein einfacher Arbeitsunfall, oder? Nein, denn Robert ist kein Mensch – sondern ein humanoider Roboter!

Was sich nach einer Szene aus einem Science-Fiction-Film von Steven Spielberg anhört, wird mehr und mehr zur gelebten Realität. In ersten Logistikzentren arbeiten bereits Prototypen humanoider Roboter, die kurz vor der Marktreife stehen. Bei Amazon arbeitet beispielsweise „Digit“ von Agility Robotics, der derzeit das wachsende Feld der kommerziell verfügbaren Humanoiden anführt. Die Stärke von Digit liegt in seiner Vielseitigkeit: Er kann Kisten transportieren, sortieren und in Regale einräumen, und das alles in einer Arbeitsumgebung, die eigentlich für Menschen gedacht ist.

Die Integration in die menschliche Arbeitswelt ist einer der Gründe, warum Roboter gebaut werden, die dem Menschen in ihrer Anatomie ähneln. Hätte der Robert aus der Eingangsszene vier Beine oder vielleicht sogar sechs, wäre es wohl nicht zu dem Unfall gekommen. Vielleicht wird es zukünftig irgendwann Roboter geben, die sich nicht im menschliche Arbeitsumgebungen integrieren müssen und daher auch nicht mehr der menschlichen Anatomie ähneln. Doch dafür müssten Logistikzentren grundsätzlich verändert werden, daher bleibt das tatsächlich noch eine Zukunftsvision.

Wurden humanoide Roboter anfänglich vor allem zu Forschungszwecken eingesetzt, haben sie in den letzten Jahren mehr und mehr Marktreife in verschiedenen Anwendungsfeldern wie Pflege, Service- und Assistenz, Militär, aber vor allem in der Industrie erreicht (siehe Übersicht). Ihre Entwicklung wird von Unternehmen aus den Bereichen Automatisierung, künstliche Intelligenz und Elektromobilität massiv vorangetrieben.

Moderne Humanoide verfügen über leistungsfähige neuronale Netzwerke, dreidimensionale Umfelderkennung und feinmotorische Greifmechanismen. Sie können somit vielfältig eingesetzt werden und Seite an Seite mit menschlichen Kollegen arbeiten. In der Kollaboration übernehmen sie etwa belastende und monotone Aufgaben, die bei Menschen oft zu körperlichen Problemen führen.

Anbieter humanoider Industrie-Roboter:
  • 4NE-1 (Neura Robotics, Deutschland)
  • Agile One (Agile Robots, Deutschland)
  • Apollo (Apptronik, USA)
  • Atlas (Boston Dynamics, USA)
  • Digit (Agility Robotics, USA)
  • Figure 01 & 02 (Figure AI, USA)
  • L7 (RobotEra, China)
  • Neo Home Robot (1X, Norwegen-USA)
  • Optimus (Tesla, USA)
  • Phoenix (Sanctuary AI, Kanada)
  • Unitree G1 / H1 (Unitree Robotics, China)
  • Walker S2 (UBTECH Robotics, China)

Autonome Mobilität als weiteres Beispiel für Automatisierung

Neben der Robotik hat auch die autonome Mobilität wieder Fahrt aufgenommen. Dank der Fortschritte in Bereichen wie Sensorik und vor allem der Künstlichen Intelligenz hat die zuvor etwas ins Stocken geratene Automatisierung der Mobilität ebenfalls Fortschritte machen können. Fahrzeuge mit hohem Automatisierungsgrad sind bereits in ausgewählten Anwendungsbereichen unterwegs, wenn auch meist in klar abgegrenzten Betriebsgebieten.

Streng reglementierte Strecken auf Betriebsgeländen können schon heute mit autonomen Shuttles ganz ohne menschlichen Fahrer befahren werden. Auch hier bieten sich wieder Logistikzentren als Vorreiter an. Da sie unter hohem Effizienzdruck stehen, kommen sie mit immer weniger menschlichen Arbeitskräften aus und sind damit ein optimales Testfeld für die autonome Mobilität.

Im öffentlichen Raum bleibt es dagegen erst einmal bei intelligenten Assistenzsystemen, die den Menschen entlasten, aber nicht aus der Verantwortung nehmen. Denn auch hier stellt sich natürlich die Frage: Wer haftet für eventuelle Unfälle mit Sach- und Personenschaden?

Der Wandel der Haftungslandschaft

Bislang sind Haftungsfragen vergleichsweise klar geregelt: Bedient ein Mitarbeiter eine Maschine fehlerhaft oder verursacht ein Fahrer einen Unfall, lässt sich die Verantwortung meist eindeutig einer Person zuordnen.

Mit den autonomen Systemen wird die Haftungsfrage aber deutlich komplexer. Sie handeln auf der Basis von Informationen aus verschiedenen Sensorsystemen, die von Software verarbeitet werden. Damit entsteht eine Handlungskette mit zahlreichen Beteiligten: Hardwareherstellern, Softwareentwicklern, Betreibern, Systemintegratoren und Datenanbietern.

Kommt es nun zu einem Vorfall mit einem Schaden, stellen sich gleich mehrere Fragen:

War die Sensorik fehlerhaft? Hat ein Softwarefehler die Entscheidung des Systems beeinflusst? Wurde ein fehlerhaftes Update eingespielt? Oder lag die Ursache doch in einer unsachgemäßen Nutzung?

Die Verantwortung kann sich somit von einem einzelnen Anwender hin zu komplexen technologischen Systemen verschieben, bei denen verschiedene Parteien involviert sind. Für Versicherer bedeutet das letztlich, dass klassische Haftungsmodelle hier zunehmend an ihre Grenzen stoßen und mit neuen Modellen ergänzt werden müssen.

Paradox ist dabei, dass die technologischen Innovationstreiber gerade die Reduzierung von Unfällen als einen wesentlichen Vorteil autonomer Systeme anführen. Maschinen machen eben keine Fehler, weil sie übermüdet, abgelenkt oder unkonzentriert sind. Doch wie bei fast jeder technologischen Innovation gibt es auch hier einen Haken: Während es sich bei menschlichen Unfällen meist um Einzelfälle handelt, können technische Fehler bei autonomen Systemen zu Kaskaden führen. Ein fehlerhaftes Software-Update oder auch ein Cyberangriff auf vernetzte Systeme können zahlreiche autonome Einheiten gleichzeitig betreffen.

Für Versicherer entsteht eine neue Haftungslandschaft, weil Risiken auch miteinander korrelieren können. Schäden treten dann nicht mehr isoliert auf, sondern können viele Systeme betreffen. Zudem kann beispielsweise ein fehlerhafter Algorithmus auch andere Systemkomponenten betreffen und dort zu weiteren Fehlern führen. Wie bei einer komplexen mathematischen Berechnung, bei der es schon bei der ersten Teilaufgabe einen Fehler gab, sind dann auch alle folgenden Aufgaben fehlerhaft.

Fazit: Wie Versicherer reagieren können

Die Verbreitung autonomer Systeme ist ohne Frage ein weiterer großer technologischer Umbruch, wie vor vielen Jahren die Industrialisierung und zuletzt die Digitalisierung. Die Versicherungswirtschaft hat diese Umbrüche immer begleitet und sich entsprechend angepasst. Das wird sicher auch jetzt wieder so sein.

Ein wichtiger Ansatz besteht in der Entwicklung neuer Deckungskonzepte, die speziell für autonome Robotersysteme und Fahrzeuge konzipiert sind. Hier geht es nicht mehr um klassische Haftungsfragen, sondern auch um die Integration von Produkt- und Cyberrisiken.

Die Innovation der autonomen Systeme eröffnet den Versicherern aber auch neue Optionen und Chancen bei der Risikobewertung. Roboter und Fahrzeuge erzeugen für ihre autonomen Funktionen zahlreiche Telemetrien, die kontinuierlich Daten über ihren Zustand, ihre Nutzung und ihre Umgebung erzeugen. Mit diesen Daten können auch Risiken genauer bewertet, Schäden analysiert und aufgeklärt sowie präventive Maßnahmen abgeleitet werden.

Ähnlich wie beim digitalen Immunsystem der IT wandelt sich die Versicherungswirtschaft auch hier vom reinen Schadensregulierer zu einem aktiven Risikopartner. Dabei geht es nicht mehr allein um Versicherungen am Ende der Wertschöpfungskette. Stattdessen gewinnen Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfung mit allen Beteiligten an Bedeutung.

Text: Falk Hedemann

Tech Trend Radar

Wie haften Roboter? Diese Frage wird auch im aktuellen Tech Trend Radar 2026 von ERGO und Munich Re behandelt. Andreas Schumacher, Project Manager Artificial Intelligence bei Munich Re, schreibt hierzu:

„Humanoide Roboter werden den Menschen die gefährlichsten und monotonsten Arbeiten abnehmen – doch sobald sie in unmittelbarer Nähe von Menschen eingesetzt werden, bringen sie auch ein durch Software bedingte Risikohäufung mit sich.“

https://www.ergo.com/de/newsroom-ergo/medieninformationen/2026/20260415-ergo-tech-trend-radar


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