Digitalisierung & Technologie, 24. Juni 2026

Das digitale Immunsystem der IT

Wie „Digital Immune Systems“ Unternehmen widerstandsfähiger machen

Symbolbild Digitales Immunsystem

Vom menschlichen Immunsystem zu lernen, bedeutet, Angreifern auch dann etwas entgegensetzen zu können, wenn die äußere Barriere bereits überwunden wurde. Ein digitales Immunsystem ist ein ganzheitlicher Sicherheitsansatz für die gesamte IT-Infrastruktur eines Unternehmens.

Das menschliche Immunsystem ist ein faszinierendes und gleichzeitig hochkomplexes Netzwerk. Es schützt den Menschen so effizient vor unzähligen Krankheitserregern, dass wir es oft gar nicht bemerken, wenn es arbeitet. Zudem lernt es permanent dazu und passt sich an neue Herausforderungen an. Damit ist es die perfekte Blaupause für ein digitales IT-Sicherheitssystem, das aktuellen und zukünftigen Herausforderungen gewachsen ist.

Wir Menschen kommen jeden Tag mit zahlreichen Viren und Bakterien in Berührung. Sie dringen in unseren Körper ein, ohne dass wir es bemerken oder uns davor schützen könnten. Dass wir nicht ständig krank werden, haben wir vor allem der Effektivität unseres Immunsystems zu verdanken. Es wartet nicht passiv auf eine neue Bedrohungslage, sondern scannt unseren Körper permanent und bekämpft Angreifer autonom. Dabei lernt es mit jedem Angriff dazu, um für die Zukunft noch besser vorbereitet zu sein.

Warum Unternehmen ein „Digital Immune System“ benötigen

Das bisherige „Immunsystem der IT“ besteht metaphorisch gesehen aus einem Burggraben (Firewall) und einem Türsteher als Wache (Antivirenprogramm). Es geht also vor allem darum, potenzielle Angreifer zu erkennen und „draußen“ zu halten. Diese klassische Türsteher-Strategie hat allerdings einen entscheidenden Nachteil: Ist ein Angreifer durchgekommen, findet er ein nahezu schutzloses System vor.

Vom menschlichen Immunsystem zu lernen, bedeutet also, Angreifern auch dann etwas entgegensetzen zu können, wenn die äußere Barriere überwunden wurde. Die IT-Realität sieht derzeit allerdings anders aus. Laut dem Global Cyber Risk & Insurance Survey 2026 glauben fast 9 von 10 C-Level-Entscheidern (89 %), dass ihre Unternehmen nicht ausreichend gegen Cyber-Bedrohungen geschützt sind.

Angesichts der steigenden Cyber-Bedrohung durch immer raffiniertere Angriffe, die Künstliche Intelligenz nutzen, ist eine neue Sicherheitsstrategie unumgänglich. Diese muss nicht nur Bedrohungen präventiv abwehren, sondern auch autonom auf Angriffe reagieren, die den äußeren Schutzwall bereits durchbrochen haben.

Die Antwort auf diese Herausforderung für die Cybersicherheit lautet: Digital Immune System (DIS).

Wie funktioniert das „Digital Immune System“?

Ein DIS ist kein einzelnes Softwareprogramm, das man einfach installiert und alles ist abgesichert. Vielmehr handelt es sich um einen ganzheitlichen Sicherheitsansatz für die gesamte IT-Infrastruktur eines Unternehmens. Dabei arbeiten verschiedene Praktiken und Technologien so zusammen, dass das DIS permanent lernt und Systemausfälle drastisch reduziert.

Die Technologie in aller Kürze

Das ursprünglich von Gartner geprägte Konzept des „Digital Immune Systems“ besteht im Wesentlichen aus fünf Säulen:

1. Observability: die Fähigkeit, einem System „beim Denken zuzuschauen“: Was passiert gerade, wo hakt es, warum?

2. AI-gestütztes Testen: Software wird nicht mehr nur von Menschen geprüft, sondern KI findet selbstständig Fehler, bevor echte Nutzer sie erleben.

3. Chaos Engineering: Das System wird absichtlich mit kleinen Fehlern konfrontiert, um zu lernen, wie es unter Stress reagiert – bevor es der Ernstfall tut.

4. Automatisiertes Incident Response: Wenn etwas schiefläuft, reagiert das System selbstständig. Es erkennt das Problem, isoliert es, begrenzt den Schaden und löst es, oft ohne dass ein Mensch eingreifen muss.

5. Software Supply Chain Security: Jede Software besteht aus Bibliotheken, Frameworks und Komponenten anderer Software. Diese Technologie stellt sicher, dass keines dieser Bauteile verseucht oder manipuliert ist.

Dies sind lediglich die wichtigsten Säulen für ein digitales IT-Immunsystem. Je nach Umgebung, Größe des Unternehmens und den spezifischen Anforderungen kann es mit weiteren Technologien ergänzt werden. Ähnlich wie das menschliche Immunsystem durch Impfungen neue Impulse für kommende Angriffe erhält.

Das grundlegende DIS-Prinzip ist nicht neu. Gartner hat es erstmals 2022 als einen der wichtigsten strategischen Technologie-Trends für das Jahr 2023 vorgestellt. Die rasanten Fortschritte in der KI-Entwicklung beschleunigen die Einführung dieser intelligenten IT-Sicherheitssysteme auf zweierlei Weise. Einerseits nutzen Cyberkriminelle Generative KI zunehmend für noch ausgefeiltere Angriffe, denen die konventionellen Methoden der Absicherung kaum etwas entgegenzusetzen haben. Andererseits wird KI zum Treiber für nahezu jede Technologie innerhalb der digitalen Immunsysteme.

Warum das Digital Immune System für Versicherer ein Gamechanger ist

Ein funktionierendes DIS erhöht nicht nur den Schutz vor Cyberattacken massiv, sondern bringt auch handfeste wirtschaftliche Vorteile für alle Beteiligten der Versicherungswertschöpfungskette.

Vorteile für die Versicherungsnehmer

Unternehmen profitieren mit einem DIS von einer stark verbesserten Cybersicherheit, die sich in der Risikobewertung durch den Versicherer niederschlägt. Zudem reduzieren sich die Kosten für die Beseitigung von IT-Schäden, wenn diese zukünftig seltener auftreten und geringer ausfallen. Einen besonderen Stellenwert hat hierbei der kritische und kostentreibende Faktor der Betriebsunterbrechung. Ein DIS reduziert die Zahl der Ausfälle und verkürzt die Wiederherstellungszeit bei Cyber-Vorfällen durch klar definierte Abläufe erheblich. Das Risiko folgenschwerer Datenpannen sinkt spürbar, was zu mehr Vertrauen bei den Endverbrauchern führt.

Vorteile für Versicherer

Für Erst- und Rückversicherer sind DIS: Unternehmen mit einem starken Digital Immune System sind deutlich einfacher zu prüfen und zu versichern. Die Datenbasis für Risikoanalysen wird robuster und präziser. Das gilt besonders für den Vergleich mit den bisherigen IT-Sicherheitssystemen. Die logische Konsequenz für die Versicherer sind weniger Schadensfälle, die zudem deutlich glimpflicher ausfallen. Dadurch lässt sich die Profitabilität nachhaltig steigern.

Neue Angriffsziele: OT-Systeme und die physische Welt

Bisher zielten Cyberangriffe vor allem auf die Officewelt mit ihren E-Mail-Systemen, Datenbanken und Servern. Doch die Bedrohungslandschaft hat sich in den letzten Jahren deutlich vergrößert und umfasst nun neben den Büros auch weitere Teile der physischen Welt. Smart Grids, vernetzte Aufzüge in Büro- und Wohnkomplexen, automatisierte Logistikhallen und Produktionsstätten sind ebenso angreifbar wie sensible medizinische Geräte in Krankenhäusern oder Kaffeevollautomaten mit Fernwartung.

Durch das Internet der Dinge (IoT) verschmelzen die klassische IT und die sogenannte Operational Technology (OT) – also die Steuerungstechnik der physischen Welt zunehmend miteinander. Ein Cyberangriff auf diese physischen Systeme der realen Welt greift keine Daten ab, sondern legt sie lahm und blockiert sie. Im Falle der Kaffeemaschine ist das ärgerlich, im Falle einer Produktionsstätte ist der Schaden ungleich höher und kann schlimmstenfalls sogar Menschenleben gefährden.

Viele dieser OT-Systeme laufen jahrzehntelang und verfügen häufig selbst nicht über einen ausreichenden Schutz. Da sich viele IoT-Systeme der ersten Stunde zudem nicht einfach mit einem Patch sicherer machen lassen, ist hier ein digitales Immunsystem besonders hilfreich. Der holistische Ansatz des DIS schützt auch die Schnittstellen zur physischen Welt und schließt sie in die lernende und autonome Cyberabwehr mit ein.

Fazit: Vom Schadenregulierer zum Resilienz-Partner

Die Rolle der Versicherer wird sich durch den fundamentalen Wandel der Risiken massiv verändern. Anstatt nur den Schaden zu regulieren, wenn er aufgetreten ist, können Versicherer zu aktiven Partnern für Resilienz werden und Schäden präventiv verhindern. Durch vorausschauendes Risk-Engineering, kontinuierliche Cyber-Services und den Einsatz von IoT-Sensorik unterstützen sie ihre Kunden aktiv dabei, ihr eigenes digitales Immunsystem aufzubauen und gesund zu erhalten. Schäden zu vermeiden ist für alle Beteiligten günstiger, als sie zu beseitigen.

Text: Falk Hedemann

Tech Trend Radar

Digitale Immunsysteme gehören auch in der diesjährigen Ausgabe des „Tech Trend Radar“ von ERGO und Munich Re zu den wichtigsten identifizierten Technologietrends. Unsere Kollegen schreiben hierzu: „Das Aufkommen generativer KI wird uns zusammen mit den rasanten Entwicklungen im Bereich des Quantencomputings zweifellos dabei helfen, einen Vorteil gegenüber böswilligen Akteuren zu erlangen und neue Fortschritte bei der Risikominderung und im Risikomanagement zu erzielen." Allerdings könnten ähnliche Technologien ebenso gut von böswilligen Akteuren gegen Unternehmen, Institutionen und die Bevölkerung eingesetzt werden. Dieses Wettrennen zu gewinnen, sei daher extrem wichtig.

https://www.ergo.com/de/newsroom-ergo/medieninformationen/2026/20260415-ergo-tech-trend-radar


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