Dies sind lediglich die wichtigsten Säulen für ein digitales IT-Immunsystem. Je nach Umgebung, Größe des Unternehmens und den spezifischen Anforderungen kann es mit weiteren Technologien ergänzt werden. Ähnlich wie das menschliche Immunsystem durch Impfungen neue Impulse für kommende Angriffe erhält.
Das grundlegende DIS-Prinzip ist nicht neu. Gartner hat es erstmals 2022 als einen der wichtigsten strategischen Technologie-Trends für das Jahr 2023 vorgestellt. Die rasanten Fortschritte in der KI-Entwicklung beschleunigen die Einführung dieser intelligenten IT-Sicherheitssysteme auf zweierlei Weise. Einerseits nutzen Cyberkriminelle Generative KI zunehmend für noch ausgefeiltere Angriffe, denen die konventionellen Methoden der Absicherung kaum etwas entgegenzusetzen haben. Andererseits wird KI zum Treiber für nahezu jede Technologie innerhalb der digitalen Immunsysteme.
Warum das Digital Immune System für Versicherer ein Gamechanger ist
Ein funktionierendes DIS erhöht nicht nur den Schutz vor Cyberattacken massiv, sondern bringt auch handfeste wirtschaftliche Vorteile für alle Beteiligten der Versicherungswertschöpfungskette.
Vorteile für die Versicherungsnehmer
Unternehmen profitieren mit einem DIS von einer stark verbesserten Cybersicherheit, die sich in der Risikobewertung durch den Versicherer niederschlägt. Zudem reduzieren sich die Kosten für die Beseitigung von IT-Schäden, wenn diese zukünftig seltener auftreten und geringer ausfallen. Einen besonderen Stellenwert hat hierbei der kritische und kostentreibende Faktor der Betriebsunterbrechung. Ein DIS reduziert die Zahl der Ausfälle und verkürzt die Wiederherstellungszeit bei Cyber-Vorfällen durch klar definierte Abläufe erheblich. Das Risiko folgenschwerer Datenpannen sinkt spürbar, was zu mehr Vertrauen bei den Endverbrauchern führt.
Vorteile für Versicherer
Für Erst- und Rückversicherer sind DIS: Unternehmen mit einem starken Digital Immune System sind deutlich einfacher zu prüfen und zu versichern. Die Datenbasis für Risikoanalysen wird robuster und präziser. Das gilt besonders für den Vergleich mit den bisherigen IT-Sicherheitssystemen. Die logische Konsequenz für die Versicherer sind weniger Schadensfälle, die zudem deutlich glimpflicher ausfallen. Dadurch lässt sich die Profitabilität nachhaltig steigern.
Neue Angriffsziele: OT-Systeme und die physische Welt
Bisher zielten Cyberangriffe vor allem auf die Officewelt mit ihren E-Mail-Systemen, Datenbanken und Servern. Doch die Bedrohungslandschaft hat sich in den letzten Jahren deutlich vergrößert und umfasst nun neben den Büros auch weitere Teile der physischen Welt. Smart Grids, vernetzte Aufzüge in Büro- und Wohnkomplexen, automatisierte Logistikhallen und Produktionsstätten sind ebenso angreifbar wie sensible medizinische Geräte in Krankenhäusern oder Kaffeevollautomaten mit Fernwartung.
Durch das Internet der Dinge (IoT) verschmelzen die klassische IT und die sogenannte Operational Technology (OT) – also die Steuerungstechnik der physischen Welt zunehmend miteinander. Ein Cyberangriff auf diese physischen Systeme der realen Welt greift keine Daten ab, sondern legt sie lahm und blockiert sie. Im Falle der Kaffeemaschine ist das ärgerlich, im Falle einer Produktionsstätte ist der Schaden ungleich höher und kann schlimmstenfalls sogar Menschenleben gefährden.
Viele dieser OT-Systeme laufen jahrzehntelang und verfügen häufig selbst nicht über einen ausreichenden Schutz. Da sich viele IoT-Systeme der ersten Stunde zudem nicht einfach mit einem Patch sicherer machen lassen, ist hier ein digitales Immunsystem besonders hilfreich. Der holistische Ansatz des DIS schützt auch die Schnittstellen zur physischen Welt und schließt sie in die lernende und autonome Cyberabwehr mit ein.
Fazit: Vom Schadenregulierer zum Resilienz-Partner
Die Rolle der Versicherer wird sich durch den fundamentalen Wandel der Risiken massiv verändern. Anstatt nur den Schaden zu regulieren, wenn er aufgetreten ist, können Versicherer zu aktiven Partnern für Resilienz werden und Schäden präventiv verhindern. Durch vorausschauendes Risk-Engineering, kontinuierliche Cyber-Services und den Einsatz von IoT-Sensorik unterstützen sie ihre Kunden aktiv dabei, ihr eigenes digitales Immunsystem aufzubauen und gesund zu erhalten. Schäden zu vermeiden ist für alle Beteiligten günstiger, als sie zu beseitigen.
Text: Falk Hedemann