Strategie & Geschäftsfelder, 27. Oktober 2026

„Viele der großen Zukunftsfragen sind heute global“

Ein Interview mit Max Happacher von ERGO International

Jonas Piela und Ursula Deschka

Demografischer Wandel, Altersvorsorge und Künstliche Intelligenz gehören zu den großen Zukunftsfragen unserer Zeit. Darüber sprach Max Happacher, Vorstandsmitglied von ERGO International und designierter Präsident der weltweiten Aktuarvereinigung IAA, kürzlich an zwei der renommiertesten Universitäten Chinas. Im Interview erklärt er, warum Deutschland und China vor ähnlichen Herausforderungen stehen, welche Rolle Versicherer dabei spielen – und weshalb menschliches Urteilsvermögen auch im Zeitalter der KI unverzichtbar bleibt.

Herr Happacher, Sie haben kürzlich an zwei renommierten Universitäten in China vor Studierenden und Wissenschaftlern gesprochen. Was hat Sie dort besonders beeindruckt?

China und Deutschland stehen trotz aller Unterschiede vor vergleichbaren Herausforderungen. Beide Gesellschaften altern, die Menschen leben länger und gleichzeitig werden weniger Kinder geboren. Genau deshalb waren die Diskussionen an der SWUFE in Chengdu und an der Tsinghua University in Peking so spannend. Mich hat beeindruckt, mit welchem Interesse die Studierenden über die langfristigen Folgen dieser Entwicklungen diskutiert haben. Die Fragen reichten von Al tersvorsorge und Gesundheitssystemen bis hin zu den Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Arbeitswelt. Das zeigt: Viele der großen Zukunftsfragen sind heute globale Fragen.

Sie stehen kurz davor, Präsident der International Actuarial Association zu werden. Was macht ein Aktuar eigentlich und warum ist dieser Beruf für die Gesellschaft wichtig?

Aktuare beschäftigen sich professionell mit Unsicherheit. Sie analysieren Risiken, entwickeln Modelle und helfen Unternehmen sowie politischen Entscheidungsträgern, langfristige Entwicklungen besser zu verstehen. Das betrifft beispielsweise Rentensysteme, Gesundheitskosten, Naturkatastrophen oder die finanzielle Absicherung von Menschen und Unternehmen.

Gerade in einer Welt, die von demografischem Wandel, Klimarisiken und technologischen Veränderungen geprägt ist, wird diese Arbeit immer wichtiger. Versicherungen geben Menschen Sicherheit. Damit diese Versprechen auch in 20, 30 oder 40 Jahren noch eingehalten werden können, braucht es fundierte Analysen und verantwortungsvolle Entscheidungen. Hier leisten Aktuare einen wesentlichen Beitrag.

Jonas Piela und Ursula Deschka

Ein zentrales Thema Ihres Vortrags war die Alterung der Bevölkerung. Warum ist das für Versicherer und ihre Kunden so relevant?

Die Menschen gewinnen etwas sehr Wertvolles: Lebenszeit. Gleichzeitig stellt uns das vor neue Herausforderungen. Wenn immer mehr Menschen Renten beziehen, medizinische Versorgung benötigen oder Pflegeleistungen in Anspruch nehmen, müssen diese Leistungen erbracht und finanziert werden.

Versicherer können dabei helfen, langfristige Lösungen zu entwickeln. Dafür braucht es ein tiefes Verständnis von Lebenserwartung, volkswirtschaftlchen Zusammenhängen und Kundenbedürfnissen. In meinem Vortrag habe ich gezeigt, dass sowohl Deutschland als auch China vor ähnlichen Fragen stehen: Wie schaffen wir nachhaltige Systeme für Altersvorsorge und finanzielle Sicherheit? Die Versicherungswirtschaft kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie langfristige Risiken kalkulierbar macht und individuelle Vorsorgelösungen anbietet.

In Peking haben Sie über Künstliche Intelligenz gesprochen. Wird KI die Arbeit von Aktuaren und Versicherern ersetzen?

Nein, aber sie wird sie grundlegend verändern. Künstliche Intelligenz kann enorme Datenmengen analysieren, Muster erkennen und viele Aufgaben deutlich schneller erledigen als bisher. Das eröffnet große Chancen, beispielsweise bei der Risikobewertung, Produktentwicklung oder Kundenbetreuung.

Gleichzeitig bleibt der Mensch unverzichtbar. Denn am Ende müssen Entscheidungen verantwortet werden. Jemand muss beurteilen, ob die Annahmen plausibel sind, ob Ergebnisse sinnvoll erscheinen und welche Folgen bestimmte Entscheidungen für Kunden und Gesellschaft haben. In meinem Vortrag habe ich deshalb die These vertreten, dass die Bedeutung von Urteilsvermögen, Verantwortung und ethischem Handeln in einer KI-Welt sogar noch zunimmt.

Was bedeutet Ihre internationale Tätigkeit für ERGO?

Versicherung ist heute ein globales Geschäft. Themen wie Alterung, Gesundheit, Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz betreffen Märkte auf der ganzen Welt. Der Austausch mit Universitäten, Aufsichtsbehörden, Wissenschaftlern und Fachkollegen hilft uns, neue Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und voneinander zu lernen.

Für ERGO ist das ein wichtiger Vorteil. Unsere Experten bringen internationale Erfahrungen in die tägliche Arbeit ein und verbinden wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Lösungen für Kunden. Die Einladungen an zwei der renommiertesten Universitäten Chinas zeigen, dass die versicherungsmathematische Expertise von ERGO auch international wahrgenommen und geschätzt wird. Gleichzeitig sind sie ein Beispiel dafür, wie wir als Unternehmen globale Zukunftsthemen aktiv mitgestalten.

Kurzvita

Dr. Maximilian Happacher ist Vorstandsmitglied der ERGO International AG und designierter Präsident der International Actuarial Association (IAA), des weltweiten Dachverbands der Aktuarvereinigungen mit Vertretungen aus mehr als 115 Ländern und rund 90.000 Aktuarinnen und Aktuaren. Kürzlich sprach er an der South Western University of Finance and Economics (SWUFE) in Chengdu, wo er auch Visiting Professor ist, sowie an der Tsinghua University in Peking über demografischen Wandel, Altersvorsorge und die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Wirtschaft und Gesellschaft.


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