Digitale Infrastruktur und transparente Kfz-Versicherung
Jonas: Erklär mal, wie so eine digitale Infrastruktur im Versicherungsbereich konkret funktioniert.
Ursula: Es gibt ein Kfz-Register, das mit dem Versicherungsregister verbunden ist, und dieses wiederum mit unseren Systemen. Kunden können jederzeit in dieses staatliche Ökosystem gehen und nachschauen: Wo bin ich versichert? Wo ist mein Unfallgegner versichert? Was würde meine Police aktuell kosten?
Die Prämien im Kfz-Bereich werden minütlich angepasst, und diese Anpassungen sind direkt sichtbar. So etwas funktioniert nur mit einer durchgängigen digitalen Infrastruktur.
Jonas: Ist das so etwas wie ein staatliches Check24?
Ursula: Es ist kein Vergleichsportal mit Provisionen. Die Kunden werden von dort auf die Webseiten der Versicherer geleitet und schließen dort direkt ab. Es dient schlicht der Transparenz – und diese Transparenz ist etwas, das die Menschen gewohnt sind. Sie erwarten sie auch bei Versicherungen.
Jonas: Ist das dann auch euer Hauptvertriebskanal?
Ursula: Im Kfz-Bereich ja: Die meisten Kunden vergleichen dort und schließen danach bei uns ab. In der Lebensversicherung sieht das anders aus: Da läuft sehr viel über Callcenter, wir haben Agenturen vor Ort und Broker – also Vertriebswege, wie man sie aus Deutschland kennt.
Wenn alle digital sind: Preis, Marke und Schaden-Erlebnis
Jonas: Diese Transparenz klingt nach einem starken Preiswettbewerb. Differenziert ihr euch dann vor allem über den Preis?
Ursula: Beim Kfz-Haftpflichtgeschäft, das stark standardisiert ist, spielt der Preis natürlich eine große Rolle. Aber differenzieren können wir uns weiterhin über:
- das Erlebnis im Schadenfall – dort entscheidet sich, ob Kunden mit ihrer Versicherung zufrieden sind,
- und die Marke: Vertrauen in eine Marke, die Assoziationen, die Menschen zu ihr haben.
Mit zunehmender Digitalisierung wird Marke sogar noch wichtiger. Wenn Kunden nicht mehr nur über Google, sondern über andere Suchsysteme oder KI-basierte Assistenten gehen, werden Marken zu Signalen, die diese Systeme wiedergeben. Kunden halten dann gezielt Ausschau nach Marken, denen sie vertrauen.
Meetings ohne Stifte – aber mit Kultur
Jonas: Du bist im Büro die Einzige mit Stift und Papier. Sitzen die anderen mit großen Laptops oder Tablets in den Meetings, machen dort ihre Notizen?
Ursula: Ja, in der Regel sitzen alle mit Laptops, iPads oder sogar nur mit dem Handy da und machen ihre Notizen digital. Am Ende geht es aber nicht um Papier versus Bildschirm, sondern um die Kultur der Zusammenarbeit.
Entscheidend ist: Kommen wir in der Runde zusammen, diskutieren das Thema konzentriert und sind wirklich anwesend – gedanklich wie physisch? Ich kann auf Papier Kringel malen, so wie du auf dem iPad. Genauso kann ich mich hinter einem Laptop verstecken und E-Mails bearbeiten. Das ist eine Frage von Meetingkultur, nicht vom Medium.
97 Prozent Vollzeit – und warum das funktioniert
Jonas: Ihr habt eine extrem hohe Vollzeitquote. Liegt das daran, dass alle unbedingt bei euch arbeiten wollen? Oder schließt ihr keine Teilzeitverträge ab? Oder ist das gesellschaftlich bedingt?
Ursula: Es ist vor allem gesellschaftlich bedingt. Im Baltikum arbeiten insgesamt sehr wenige Menschen in Teilzeit, es ist eine Kultur der Vollzeitarbeit. Die Quoten von Männern und Frauen sind nahezu identisch.
Jonas: Wie gleicht ihr das aus, gerade für Eltern?
Ursula: Indem wir sehr flexibel mit Arbeitszeiten umgehen. Es geht um Erreichbarkeit, nicht um Präsenz um jeden Preis. Typisch ist: Ein Elternteil bringt morgens die Kinder in Schule oder Kindergarten, der andere holt sie nachmittags ab und ist am Nachmittag für die Kinder da, arbeitet dafür abends nochmal.
Daraus ergibt sich, dass der späte Nachmittag eine schlechte Zeit für Meetings ist – das ist Abholzeit. Wenn das normal ist, lässt sich das im Alltag leicht berücksichtigen: Man plant einfach keine kritischen Meetings um 16 Uhr und weiß, dass manche Eltern eher spätabends oder frühmorgens wieder gut erreichbar sind.
Am Ende muss es um Ergebnisse gehen, nicht um Verfügbarkeiten. In unserem Unternehmen arbeiten rund 97 Prozent Vollzeit – und das funktioniert, wenn wir die Arbeitszeiten intelligent und menschlich denken.
Ein hochdynamischer Arbeitsmarkt – und was das mit Loyalität macht
Jonas: Du hast vorhin noch den dynamischen Arbeitsmarkt erwähnt. Was heißt das konkret?
Ursula: Im Baltikum liegt die durchschnittliche Fluktuation bei etwa 20 Prozent pro Jahr – das heißt, im Schnitt wechselt jeder alle fünf Jahre seinen Arbeitsplatz und zwar nicht nur innerhalb der Branche, sondern branchenübergreifend. Auch das ist eine kulturelle Frage: Die Leute wollen einfach möglichst viel sehen, sie haben Lust, sich beruflich und persönlich weiterzuentwickeln, deshalb gibt es eine hohe Fluktuation.
In der Finanzindustrie sind es ungefähr 18 Prozent. Wir selbst liegen bei 12 bis 13 Prozent Fluktuation – das ist im Vergleich zu Deutschland immer noch viel, im Marktvergleich aber relativ wenig.
Das bedeutet zum einen: Wir haben ständig Wissensabfluss, weil Menschen das Unternehmen verlassen, die Erfahrung gesammelt und eingebracht haben. Zum anderen ist es eine permanente Quelle für neue Ideen und Perspektiven.
Das ist ein sehr spannendes Feld, auf dem man sich als Unternehmen bewegt, denn man muss jeden Tag dafür sorgen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dem Unternehmen bleiben wollen. Das Thema Kultur ist hierfür extrem wichtig, da sich Mitarbeiter eben sehr leicht dafür entscheiden können, das Unternehmen zu verlassen.
Die meisten Wechsel gehen letztendlich auch von den Mitarbeitenden selbst aus. Das Arbeitsrecht ist ähnlich wie in der EU, aber Kündigungsfristen sind deutlich kürzer: Je nach Land zwei bis vier Wochen – auch für Menschen, die seit 30 Jahren im Unternehmen sind. Für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gilt das symmetrisch.
Jonas: Das nimmt ja auch die Angst, keinen neuen Job zu finden. Wenn viele wechseln, sind auch viele Stellen frei.
Ursula: Genau. Die hohe Mobilität und die kurzen Kündigungsfristen schaffen Dynamik. Für uns als Arbeitgeber hat das Vor- und Nachteile:
- Vorteil: Wenn wir eine passende Person finden, ist sie meist in spätestens vier Wochen verfügbar.
- Herausforderung: Wir müssen Prozesse haben, um Wissen zu sichern und Übergaben abzufedern, wenn mehrere Leute gleichzeitig gehen.
Das System funktioniert im Baltikum insgesamt sehr gut. Es macht die Arbeit sehr spannend, sehr bunt und auch den Arbeitsalltag sehr dynamisch. Und es zeigt, dass hohe Flexibilität und Digitalisierung sehr gut funktionieren können – wenn Kultur und Rahmenbedingungen dazu passen.
Am Ende muss immer das Ziel stehen, noch bessere Leute zu finden, neue Perspektiven einzubringen und als Unternehmen nochmal besser zu werden.
Jonas: Führt diese Mobilität zu geringerer Loyalität?
Ursula: Im Gegenteil. Ich erlebe die Loyalität im Baltikum als extrem hoch. Gerade weil sich Menschen jederzeit entscheiden könnten zu gehen, sind diejenigen, die bleiben, sehr bewusst da. Sie bleiben nicht wegen langer Kündigungsfristen oder Pensionssystemen, sondern weil ihnen das Unternehmen gefällt.
Das spüren wir im Engagement. Unsere Aufgabe als Führungskräfte ist, eine Kultur zu schaffen, in der Menschen sagen: „Für dieses Unternehmen, diese Vision und meine Rolle darin bleibe ich gern.“ Wir wurden zuletzt in allen drei Ländern als Top Employer ausgezeichnet und haben so auch zur ERGO-Gesamtauszeichnung beigetragen. Das Thema Kultur ist für uns zentral.
Best Practices im eigenen Haus – und darüber hinaus
Jonas: Du bist ein Fan von Best Practices – was heißt das konkret für euch?
Ursula: Zum einen arbeiten wir bei ERGO international sehr eng zusammen, zum anderen sehe ich unser eigenes Unternehmen als Lernfeld. Wir können Dinge lokal ausprobieren, prüfen, ob sie funktionieren, und verstehen, ob etwas nur lokal passt oder skalierbar ist.
Konkretes Beispiel: der Schadenprozess in der betrieblichen Krankenversicherung.
In Lettland haben etwa zwei Drittel der Arbeitnehmer eine betriebliche Krankenversicherung – ein standardisiertes Produkt. Dort haben wir einen Schadenprozess eingeführt, bei dem von der Einreichung des Schadens bis zur Auszahlung nur rund zwei Stunden vergehen.
Wir haben bewusst in Lettland begonnen, weil dort die größte Erfahrung mit diesem Produkt liegt. Jetzt prüfen wir, wie wir diesen Prozess auf die etwas anders gelagerten Produkte in Estland und Litauen übertragen können. Es geht nicht um 1:1-Kopieren, sondern ums Lernen und Adaptieren.
Alles, was bei uns im Baltikum erfolgreich ist, funktioniert bereits in drei Ländern. Das macht es für andere ERGO-Märkte weltweit besonders interessant. Wir haben einen intensiven Austausch, auch vor dem Hintergrund der Internationalisierungsstrategie von ERGO.
Wachstum durch Akquisition – und drei zentrale Learnings
Jonas: Stichwort Wachstum: Ihr habt gerade einen Wettbewerber übernommen. Erzähl kurz etwas dazu.
Ursula: Zum 1. Januar haben wir ADB Gjensidige gekauft und unseren Marktanteil deutlich gesteigert – von etwa 13 auf rund 20 Prozent. Diese Transformationsphase war bislang beruflich die spannendste Zeit meines Lebens. Viele erzählen dir vorher, was ein Merger bedeutet. Es selbst zu erleben, ist etwas anderes.
Ich habe drei zentrale Learnings:
- Vision klar kommunizieren
Es ist essenziell, eine klare Vision zu haben und zu vermitteln: Warum machen wir das? Wohin wollen wir? Wo entsteht Wert? Wo stehen wir in fünf Jahren? Das muss für alle 1.800 Mitarbeitenden greifbar sein. - Struktur und Verantwortung schaffen
Unter der Vision braucht es klare Governance: Zuständigkeiten und Entscheidungswege. Entscheidungen müssen dann lokal getroffen werden – in Ländern, Bereichen, Teams. Sonst verliert man in der Transformation zu viel Zeit, und Menschen wissen nicht, ob sie noch auf dem richtigen Weg sind. - Kultur und Kommunikation aktiv managen
Dieses Thema wird fast immer unterschätzt. Ich dachte, ich würde es nicht unterschätzen – und habe dennoch gemerkt, wie viel tägliche Arbeit dahintersteckt. Zwei Kulturen zusammenzubringen, ist nichts, was „nebenbei“ passiert. Du brauchst aktive Prozesse dafür.
Wir haben ein Change-Management-Programm nach dem ADKAR-Modell aufgesetzt:
- Awareness
- Desire
- Knowledge
- Ability
- Reinforcement
Mitarbeitende erleben in Workshops die Phasen einer Veränderung. Für jeden Einzelnen – egal auf welcher Ebene, egal ob seit zwei Wochen oder seit 30 Jahren im Unternehmen – geht es darum:
- Verstehst du, warum wir den Merger machen?
- Willst du Teil dieser Veränderung sein?
- Hast du das nötige Wissen und die Fähigkeiten?
- Kannst du die Veränderung aktiv unterstützen?
„Mehr machen, als man für nötig hält“
Jonas: Wenn dir vorher jemand sagt: „Du unterschätzt Kultur und Kommunikation“, dann kann man reagieren, indem man bewusst mehr macht, als man für nötig hält. Siehst du das ähnlich?
Ursula: Absolut. Man sollte mehr kommunizieren, als man zunächst für notwendig hält. Mehr erklären, Themen öfter ansprechen, mehr Klarheit schaffen: Was ist der nächste Schritt? Wo sind wir im Prozess? Und immer wieder die Vision bestätigen: Das ist unser Ziel, es bleibt, wir gehen weiter diesen Weg.
Bis zu dem Punkt, an dem Menschen die Vision selbst wiedergeben können – das ist aus meiner Sicht der Moment, in dem sie wirklich verankert ist. Die Leute wollen sie dann auch selbst erzählen.
Jede Veränderung hat emotionale Seiten: Verlustängste, selbst wenn es „nur“ um ein vertrautes System geht, mit dem man zehn Jahre gearbeitet hat. Deshalb ist es wichtig, viel zu sprechen – und zwar positiv, klar und ehrlich.
Jonas: Mir hat das Gespräch mit dir sehr viel Spaß gemacht – die Freude und Energie, die du mitbringst, kommen sehr stark rüber. Vielen Dank, dass du da warst.
Ursula: Vielen lieben Dank.