Australien hat im Dezember 2025 Social Media für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Das Experiment, auf das die halbe Welt seitdem schaut, hat eine Welle losgetreten. Frankreich und Großbritannien planen nachzuziehen, Kanada, Dänemark, Griechenland und Malaysia arbeiten an eigenen Regeln. Unser Kolumnist Markus Sekulla stellt die Frage: Wann Deutschland?
Wie schreibt man eine Kolumne möglichst ausgewogen mit Pro und Contra, wenn man selbst zu 100 Prozent auf einer der beiden Seiten steht? Räumen wir es also direkt aus dem Weg. Ich bin ein starker Verfechter eines Social-Media-Verbots für Kinder und Jugendliche bis mindestens 14 Jahre.
Warum? Weil ich glaube, dass unsere Gehirne mit der ständigen Beschallung und dem Vergleichen nicht klarkommen. Und, weil ich Jonathan Haidts „The Anxious Generation“ gelesen habe, dieses Buch hat meine Haltung fundamental beeinflusst. Haidt zeigt mit erdrückender Datenlage, was die permanente Verfügbarkeit von Social Media mit den Gehirnen von Kindern und Jugendlichen macht. Steigende Angststörungen, explodierende Depressionsraten, ein ganzer Generationenknick in der psychischen Gesundheit, der exakt mit der Verbreitung von Social Media ab etwa 2010 zusammenfällt. Und das war kein Zufall.
Neulich haben ich folgendes Zitat von Ulrich Trautwein, Bildungsforscher an der Uni Tübingen in der t3n gelesen:
„Dieser Endgegner sind heut die sozialen Medien. Wir schicken Kinder und Jugendliche schlecht vorbereitet in diesen Kampf. Die Waffe, die sei brauchen ist Selbstregulation.“
Ich würde dem gerne widersprechen. Von jungen Menschen Selbstregulation zu erwarten ist schlichtweg unfair. Außerdem ist es in meinen Augen auch Quatsch ist zu denken, wir könnten unseren Dopaminhaushalt einfach selbst regulieren. Social Media Usern – egal welchen Alters – einen „verantwortungsvollen Umgang“ nahezulegen wirkt ungefähr so gut, wie einem Raucher zu sagen, er solle statt 40 doch bitte nur noch fünf Zigaretten am Tag rauchen, das sei schließlich gesünder für ihn. Genauso verhält es sich bei Jugendlichen und Erwachsenen wenn es um Insta oder TikTok geht.
Die Lage in Australien
Schauen wir also nach Australien. Eine Studie unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts zeigt, wie gut das Social Medie Verbot in der Praxis funktioniert, nämlich so gut wie gar nicht. Der Anteil der 14- bis 15-Jährigen, die in den sieben Tagen zuvor eine für sie gesperrte Plattform genutzt haben, stieg von 64 Prozent im April auf 92 Prozent im Juni. Mehr als ein Fünftel bekam beim Einrichten eines neuen Kontos sogar Hilfe von Eltern, älteren Geschwistern oder anderer Erwachsener. Die Mehrheit musste sich gar nicht erst neue Zugänge beschaffen, weil die alten Konten nie gelöscht wurden.
Dazu kommt der immense soziale Druck unter den Heranwachsenden. Wer sich an das Verbot hält, gilt als uncool und fürchtet die soziale Isolation. So funktioniert es also nicht. Es bräuchte stärkere Durchsetzungsmethoden. Australien hat inzwischen reagiert und die Höchststrafen für die Plattformen auf 99 Millionen australische Dollar verdoppelt.
Darauf zu warten, dass sich die US-Tech-Konzerne selbst regulieren, ist erst recht vergebens. Das würde auch gegen deren Geschäftsmodell gehen. Meta und andere Netzwerke haben in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen, dass das Wohlergehen seiner Nutzer bestenfalls ein Randthema ist. Die Regulierung muss also von außen kommen. Genau das versucht Australien.
Pro: Warum ich dafür bin
Ja, das australische Verbot wird umgangen. Aber die Frage ist nicht, ob ein Verbot perfekt funktioniert. Die Frage ist, wie wir es langfristig schaffen, von dieser „Dopamin-Pandemie“ wegzukommen.
Die Datenlage ist eindeutig. Die französische Gesundheitsbehörde ANSES hat rund 1.000 internationale Studien ausgewertet und bestätigt, was Haidt beschreibt. Social-Media-Plattformen schaden Jugendlichen, Mädchen dabei leicht stärker als Jungen. Geringeres Selbstwertgefühl, ständiger Kontakt mit extremen und gesundheitsgefährdenden Inhalten.
Verbote schaffen einen regulatorischen Rahmen. Ohne gesetzliche Grundlage gibt es keinen Hebel gegen die Plattformen. Und Frankreichs Plan war so konkret, wie es nur geht. Keine neuen Accounts für unter 15-Jährige ab dem 1. September, bestehende Konten sollten bis zum 1. Januar 2027 geschlossen werden. Dass der Verfassungsrat das Gesetz inzwischen gestoppt hat, macht den Ansatz nicht falsch. Es zeigt vielmehr, wie sorgfältig ein solcher Rahmen gebaut sein muss, damit er auch hält.
Und gesellschaftliche Normen brauchen einen Startpunkt. Rauchen wurde auch nicht durch freundliches Zureden marginalisiert und auch die Flächen auf den Packungen haben nicht geholfen. Es brauchte Werbeverbote, Warnhinweise und Altersbeschränkungen, bis die soziale Norm irgendwann kippte.
Die Älteren werden sich erinnern wie groß der Aufschrei war, als man nicht mehr in Bars und Kneipen rauchen durfte. Was für ein Irrsinn, wie wir manchmal kollektiv an schlechten Entscheidungen hängen. Gleiches gilt bei Social Media, und da stehen wir noch ganz am Anfang dieses Prozesses.
Selbst ein unvollkommenes Verbot verlangsamt den Zugang. Es zwingt Kinder und Eltern, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Die Hürde mag nicht unüberwindbar sein, aber sie existiert. Und damit das zumindest leichte Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.
Contra: Warum Skepsis berechtigt sein kann
Altersverifikation ist ein Datenschutz-Albtraum. Die britische Organisation Big Brother Watch warnt davor, dass Ausweise oder biometrische Daten zur Alterskontrolle massive Cybersicherheits- und Privatsphäre-Risiken schaffen. Am leichtesten wäre es, so schlägt es auch Haidt vor, wenn man auf dem Smartphone einfach das Alter hinterlegen kann und die Eltern dann die Apps freischalten. Aber genau da hapert es zum Teil am Verantwortungsbewusstsein der Erziehenden.
Verbote adressieren Symptome, nicht Ursachen. Die Plattformen selbst und ihre Algorithmen sind das Problem. Endlose Feeds, Dopamin-getriebene Engagement-Mechanismen, toxische Empfehlungssysteme. Ein Altersverbot ändert daran nichts, es verschiebt das Problem nur auf den 16. Geburtstag.
Kürzlich hat Christine Weißenborn im Handelsblatt die Frage gestellt: „Warum betrachten wir Social Media häufig nur als Problem für Kinder?“ Wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen und unsere eigene Nutzung überdenken, die, seien wir ehrlich, auch deutlich höher ist, als wir es uns vor zehn Jahren noch vorstellen konnten. Und auch das sehen unsere Kinder. Wer ohne Doomscrolling ist, werfe den ersten Stein...
Was wir außerdem im Hinterkopf behalten sollten, ist die Welt von morgen. Die wird nämlich digital bleiben. Kindern die Möglichkeit zur Adaption früh zu nehmen, bereitet sie nicht auf ein modernes Leben vor. Gleiches gilt übrigens für KI. Sollte es da auch ein Verbot geben, damit die Kids noch was lernen und ihre Hausaufgaben nicht vom Chatbot machen lassen? Beide Verbote würden den Zugang zu einer digitalen Welt versperren, in der Kinder anderswo gerade einen großen Vorsprung aufbauen. Doch was nützt dieser Vorsprung, wenn Millionen von ihnen psychische Probleme entwickeln?
Was bedeutet das für uns?
Die EU-Kommission will im September eigene Pläne für ein Verbot vorlegen. Die Debatte kommt also nach Deutschland und die ersten Vorstöße gibt es längst. Bislang ist bei uns vor allem von einem verantwortungsvollen Umgang die Rede, und ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören, wie oft wir uns auf Dinge verlassen, die nachweislich nicht funktionieren.
Meine Haltung: Ich bin für ein Verbot, auch wenn ich weiß, dass es allein nicht reicht. Weil die Alternative, nämlich nichts zu tun, keine Option ist. Weil die Evidenz erdrückend ist. Und weil jede Gesellschaft das Recht hat, ihre Kinder vor Dingen zu schützen, die nachweislich deren Gesundheit gefährden.
Das eigentliche Ziel muss aber sein, Social Media entweder wirklich social oder, noch besser, uncool zu machen.
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