Digitalisierung & Technologie, 10. Februar 2026

Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche

Überfällig oder überflüssig?

Jugendliche mit Smartphone

Australien hat Ende 2025 ein striktes Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren eingeführt. Seitdem wird dieses Thema international heiß diskutiert. Auch in Europa und Deutschland reißen die Diskussionen zwischen Befürwortenden und Gegnern nicht ab. Wir geben einen Überblick über den aktuellen Stand und stellen die Frage, ob ein staatliches Verbot ein wirksames Mittel zur Rettung der mentalen Gesundheit unserer Jugend sein kann.

Im ersten Monat des Social-Media-Verbots für Unter-16-Jährige haben die großen Social-Media-Plattformen zusammen rund 4,7 Millionen Konten von Jugendlichen in Australien gesperrt. Die angedrohten Geldstrafen von bis zu 49,5 Millionen australische Dollar (rund 28,5 Millionen Euro) verfehlten ihre Wirkung also nicht. Ob das Verbot aber auch eine positive Wirkung auf die Jugendlichen hat, wird sich nicht so schnell belegen oder widerlegen lassen.

Australien macht den Anfang, andere Länder wollen nachziehen

„Es ist ein weltweit wegweisendes Gesetz, das nun in vielen Ländern als Vorbild dient“, und auf das Australien stolz sein könne, so Australiens Premierminister Anthony Albanese. Und die Chancen für ähnliche Gesetze in anderen Ländern stehen gut.

So hat die Nationalversammlung in Frankreich ebenfalls für ein Nutzungsverbot sozialer Netzwerke für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren gestimmt. Wenn die Vorlage den Senat passiert, kann das Gesetz ab September 2026 in Kraft treten. Damit wäre Frankreich das erste europäische Land, das dem Beispiel Australiens folgt.

Auch in Dänemark wurde bereits eine neue Regelung auf den Weg gebracht. Hier soll es jedoch kein striktes Social-Media-Verbot mit einer Altersgrenze von 15 Jahren geben. Stattdessen sehen die dänischen Pläne ein Mitspracherecht der Eltern vor. Wenn sie ihren Kindern die Nutzung explizit erlauben, müssen diese nicht bis zum 15. Geburtstag warten.

Die niederländische Minderheitsregierung versucht hingegen, keine nationale Regelung umzusetzen, sondern will auf EU-Ebene das Mindestalter für die Nutzung von Social-Media-Plattformen von 13 auf 15 Jahre anheben lassen.

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez will Kinder und Jugendliche vor dem „digitalen Wilden Westen“ schützen und kündigte daher zeitnah einen entsprechenden Gesetzentwurf noch im Februar an. Dabei könnte es nicht nur um ein Verbot sozialer Netzwerke für unter 16-Jährige gehen. Geprüft werden soll auch, ob Führungskräfte der Plattform-Betreiber für die Verbreitung illegaler Inhalte, Hassreden und die Manipulation durch Algorithmen zur Verantwortung gezogen werden können.

In Deutschland haben sich bereits verschiedene Vertreter von Union, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und BSW offen für ein Verbot gezeigt. Nachdem das Europaparlament im November 2025 die EU-Länder aufgefordert hatte, soziale Medien für Kinder und Jugendliche unter 13 Jahren zu verbieten, hat Bundesfamilienministerin Karin Prien eine Expertenkommission eingesetzt. Diese soll bis zum Sommer 2026 Empfehlungen ausarbeiten.

Gegenstimmen: Das sagen die Kritiker

Zu den Kritikern von Social-Media-Verboten gehört das Deutsche Kinderhilfswerk. In einer Stellungnahme erklärt Geschäftsführer Kai Hanke unter anderem: „Pauschale Medienverbote können zwar den Zugang zu riskanten Online-Räumen erschweren, doch ein kompetenter und sicherer Umgang wird nur in der aktiven Nutzung junger Menschen erlernt.“ Ein generelles Verbot würde zudem die Beteiligung junger Menschen an wesentlichen Gesellschaftsthemen wie Politik, Kultur und Bildung beschneiden.

Auch in der Bundesschülerkonferenz gibt es Vorbehalte. So sei ein Verbot keine Lösung für ein Problem. Stattdessen müsse es um Bildung gehen, die Kindern und Jugendlichen die nötigen Kompetenzen für den Umgang mit sozialen Medien vermittelt.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auf der Basis einer Befragung unter jugendlichen Internet-Nutzer*innen auch der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO). So greife „ein generelles Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige zu kurz“ und biete zudem keine Lösung für den Jugendschutz.

Die Befragung (pdf) der Betroffenen ist spannender Perspektivwechsel, da sie zeigt, dass den jungen Menschen die Risiken wie problematische Algorithmen, Suchtmechanismen, sexualisierte Inhalte oder Hass und Gewalt bewusst sind. Ein generelles Verbot würde die Realität der Jugendlichen daher ignorieren.

Warum wurde ausgerechnet Australien zum Vorreiter?

Diese Frage lässt sich nicht genau beantworten. In Australien wird das Social-Media-Verbot aber im Zusammenhang mit der Medienkampagne „Let Them Be Kids“ diskutiert. Diese wurde vom führenden Medienkonzern News Corp Australia initiiert, der zum Medienimperium von Rupert Murdoch gehört. Kurz zuvor hatte Meta bekannt gegeben, dass der „News-Deal“ zwischen Meta und den australischen Medien nicht verlängert werde. Die News Corp reagierte mit Schlagzeilen wie „Tech tyrant goes to war with Australia“ (Paywall) auf den Einnahmeverlust. Zwei Monate später startete die Kampagne für den Social-Media-Bann für Jugendliche.

Welche Argumente gibt es für eine Alterseinschränkung für Social Media?

In vielen Berichten über die politische Debatte zu einem Verbot von Social Media für Kinder und Jugendliche geht es oft um Altersgrenzen, die Rolle der Smartphones und die Liste der Plattformen, die ein mögliches Verbot beinhalten soll. Dazu werden meist Umfragen genannt, die die Zustimmung in weiten Teilen der Bevölkerung zeigen sollen.

Etwas zu kurz kommen dagegen die Diskussionen und die grundlegenden Argumente. Warum sollten Social-Media-Plattformen für Kinder und Jugendliche nicht zugänglich sein?

Wenn Argumente angesprochen werden, geht es in der Regel um die Algorithmen der Plattformen. Kritiker werfen Meta, TikTok und anderen Unternehmen vor, mit ihren Vorschlagssystemen Inhalte auszuspielen, die Kindern und Jugendlichen schaden könnten. Häufig verwendete Schlagworte sind Cybermobbing, Fake News, rechtsextreme Inhalte, Gewaltdarstellung und sexualisierte Inhalte.

Welche Argumente sprechen gegen ein Verbot?

Die Gefahren und Risiken, denen Kinder und Jugendliche auf Social-Media-Plattformen ausgesetzt sind, lassen sich keinesfalls wegdiskutieren. Allerdings würden die grundlegenden Probleme mit einem Verbot nicht verschwinden, da sie Teil unserer Gesellschaft sind und somit auch in der analogen Welt vorkommen.

Experten halten ein generelles Verbot für rechtlich schwierig umsetzbar.

Ein Social-Media-Verbot wäre zudem eine technische Herausforderung, für die es bisher noch keine verlässliche Lösung gibt. Gefälschte Altersangaben oder die Nutzung von Konten älterer Geschwister sind sehr leicht umsetzbare Möglichkeiten, um das Verbot zu umgehen.

Ein Verbot würde zugleich alle positiven Aspekte betreffen, die die Nutzung sozialer Medien haben kann – etwa Austausch mit Freunden, Informationsbeschaffung, Identitätsbildung und Unterhaltung.

Fazit: Alternativen zum Verbot

Unzweifelhaft ist, dass soziale Medien negative Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben können. Die Plattform-Betreiber in die Pflicht zu nehmen, ist nachvollziehbar. Denn deren Mechanismen sorgen mindestens für eine Verstärkung von Risiken.

Als Alternative zu einem generellen Verbot sollte jedoch auch eine Regulierung der Algorithmen und der durch sie verbreiteten Inhalte diskutiert werden. Zusammen mit der Schulung der Medienkompetenz der Jugendlichen wäre dieser Ansatz konstruktiver und würde eine entscheidende Frage überflüssig machen. Was passiert bei einem Verbot, wenn die Altersgrenze überschritten wird?

Text: Falk Hedemann

Schutzraum - Medienkompetenz Internet

Die Initiative "Schutzraum - Medienkompetenz Internet" wurde 2013 von Hanno Lenz, Innovation Manager bei ERGO, gegründet. Das Team hinter der Initiative vermittelt Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Kindern und Jugendlichen einen bewussten Umgang mit modernen Medien. Neben Workshops, Info-Veranstaltungen und Beratungsangeboten gibt es auch einen Podacst. Dort wird über das gesprochen, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene heute wirklich bewegt: Social Media, Cybermobbing, Gaming, künstliche Intelligenz, digitale Trends.

Website: https://www.schutzraum-medienkompetenz.de/

Interview mit Hanno Lenz: Kinder sicherer im Internet machen


Ihre Meinung
Wenn Sie uns Ihre Meinung zu diesem Beitrag mitteilen möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an: radar@ergo.de


Weitere Magazin-Beiträge