Was haben eine Wetterprognose für das Jahr 2035, eine Betrugserkennung in Echtzeit und eine neue Krebstherapie gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten: Alle drei könnten eines Tages von Technologien profitieren, die heute noch im Forschungsstadium stecken – doch schon bald zum Alltag in der Versicherungsbranche zählen könnten.
Quantencomputer, künstlich erzeugte Daten und KI-Systeme, die die physische Welt verstehen, statt nur Muster in riesigen Datensätzen zu identifizieren: Noch stehen diese drei Technologien am Anfang. Und dennoch sind sie bereits heute hochrelevant, denn technologische Entwicklungen bekommen durch KI eine ganz neue Dynamik. Das bedeutet: Die Weichen für die Zukunft werden jetzt gestellt. In Pilotprojekten, Forschungspartnerschaften und ersten vorsichtigen Testläufen, werden diese neuen Technologien schon heute getestet und weiterentwickelt.
Dieser Beitrag wirft einen Blick auf drei Technologien, die zwar bislang nicht produktionsreif sind, aber schon jetzt zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Wir wollen zeigen, warum es sich lohnt, heute genau hinzuschauen, statt erst zu reagieren, wenn andere längst vorgelegt haben.
Quantum Computing: Nicht schneller, sondern anders rechnen
Bei der Weiterentwicklung unserer Computersysteme gab es in der Vergangenheit einige „Quantensprünge“. Auch wenn diese Bezeichnung aus Sicht des Marketings hilfreich war, und die jeweils neue Generation wirklich einen größeren Sprung gemacht hatte, steht uns der eigentliche und einzige Quantensprung noch bevor. Denn die kommenden Quantencomputer rechnen nicht einfach nur schneller, sie verwenden dafür ein komplett neues System.
Ein klassischer Computer arbeitet mit Bits, die entweder 0 oder 1 sind. Es gibt nur diese beiden Zustände. Ein Quantencomputer arbeitet dagegen mit Qubits, die sich nach den Gesetzmäßigkeiten der Quantenmechanik zusätzlich in einem Zustand der Überlagerung (Superposition) von 0 und 1 befinden können, also gleichzeitig 0 und 1 sein können. Gleichzeitig können Qubits miteinander verbunden sein (Verschränkung), sodass der Zustand des einen sofort den des anderen bestimmt.
Die Theorie ist zugegebenermaßen eher kurios. Verständlicher wird es, wenn wir uns ansehen, was die Arbeit mit Qubits für die Praxis bedeutet. Das Zusammenwirken von Superposition und Verschränkung erlaubt es Quantencomputern viele Lösungswege gleichzeitig zu prüfen, statt sie wie klassische 0/1-Computer nacheinander zu bearbeiten. Das Ergebnis: Die Rechenkraft steigt damit exponentiell.
Warum ist Quantum Computing relevant für Versicherungen?
Der wichtigste Aspekt: Ein Großteil des Geschäfts von Versicherungen besteht darin, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und die Kosten zu beziffern, wenn es tatsächlich eintritt. Dafür werden umfangreiche Simulationen mit zahlreichen möglichen Zukünften durchgeführt. Die Genauigkeit der Schätzung ist davon abhängig, wie viele Simulationen durchgespielt werden. Das Problem in der Praxis: Soll die Genauigkeit verdoppelt werden, wird dafür die vierfache Rechenkraft benötigt.
Für weniger komplexe Szenarien ist das oft ausreichend, aber nicht für Extremereignisse wie Naturkatastrophen, Pandemien oder Cyberausfälle. Sie sind in solchen Berechnungen bisher stark unterrepräsentiert, weil sie eben selten vorkommen. Relevant sind sie für Versicherungen aber dennoch, denn sie verursachen die größten Kosten.
Mit neuen Rechenverfahren auf der Basis von Quantencomputern könnten sich die Grenzen deutlich verschieben. Die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten wird somit auch für Extremereignisse rentabel.
Ein weiterer Anwendungsbereich ist die Risikosteuerung: Wie stellt man aus einer Vielzahl möglicher Policen ein Portfolio zusammen, das die Bedürfnisse der Kundschaft erfüllt, ohne die Risikotoleranz zu sprengen? Auch hier spielt die Anzahl der Variablen eine Rolle, die für Quantencomputer aber keine große Hürde darstellt.