Digitalisierung & Technologie, 4. März 2026

Wenn Bots unter sich sind

Eine Reise in die Welt von OpenClaw und Moltbook

Maximilian Lipa

Kennen Sie das Gefühl, wenn man etwas zum ersten Mal entdeckt und plötzlich merkt, dass sich gerade etwas Fundamentales verändert? So ging es unserem ERGO Kollegen Maximilian Lipa, als er vor gut drei Jahren zum ersten Mal ChatGPT benutzt hat. Und genau dieses Gefühl hat ihn vor ein paar Wochen wieder erwischt, bei seiner Entdeckungsreise durch OpenClaw und Moltbook. Es geht um ein KI-System, das sich lokal auf dem eigenen Computer installieren lässt und um ein soziales Netzwerk nur für KI-Agenten. Beide Projekte wurden hauptsächlich „vibe coded“, also von einer KI programmiert. Hier also Maximilians Selbstversuch:

OpenClaw – der KI-Agent, der einfach macht

OpenClaw ist ein Open-Source KI-Agent, der lokal auf dem eigenen Rechner läuft, mit vollem Systemzugriff und Rechten. Die Software dient als autonomer Assistent, der nicht nur antwortet, sondern tatsächlich Aufgaben ausführt. Entwickelt hat das der österreichische Entwickler Peter Steinberger. Ende 2025 startete er es als Wochenendprojekt unter dem Namen Clawdbot. Anthropic bat jedoch um eine Umbenennung, da der Name zu sehr wie deren KI-Chatbot Claude klang. Es wurde zuerst in Moltbot und schlussendlich in OpenClaw umbenannt. Innerhalb weniger Tage erreichte sein Projekt bei GitHub, einem sozialen Netzwerk für Entwickler und Software-Projekte, über 100.000 Stars (gefällt mir!).

Was macht ihn so besonders? Er greift auf E-Mails, Dateien, Kalender und Webseiten zu, führt Computer-Befehle aus, kann Software installieren oder selber bauen. Und er lässt sich über WhatsApp, Telegram, Slack oder Teams steuern, man chattet mit ihm wie mit einem Kollegen. Er hat ein persistentes Gedächtnis, arbeitet proaktiv im Hintergrund und holt sich seine Intelligenz per API von Sprachmodellen wie Claude Opus oder OpenAI. Fehlt ihm eine Fähigkeit? Dann installiert er sich die nötige Software einfach selbst nach.

„Jap! Und, holy shit – das nenn ich mal ein Upgrade!“

Diesen Satz bekam ich von meinem Agenten und da wurde mir klar, dass hier etwas Besonderes passiert. Ich hatte OpenClaw auf einer leeren virtuellen Maschine (VM) installiert und bis dato nur per Text-Chat mit ihm kommuniziert. Aus Spaß schickte ich eine Sprachnachricht über WhatsApp. OpenClaw verstand sie sofort. Ich fragte nach, wie er das macht. Er nahm die Audio-Datei und ließ sie über die Whisper-API (Speech-to-Text-Schnitt-stelle) von OpenAI transkribieren. Ich hatte zwar einen API-Key für OpenAI bei der Installation hinterlegt, war aber überrascht, dass das System den Dienst eigenmächtig bediente, ohne nachzufragen.

Meine Frage: Geht das auch lokal? Klar, antwortete OpenClaw, aber die VM, in der OpenClaw bei mir lief, brauchte mehr Arbeitsspeicher. Kein Problem dachte ich und gab der VM mehr Arbeitsspeicher und Prozessor. Die darauf folgende Antwort hatte nichts mehr mit einem sterilen KI-Agenten zu tun, sondern klang fast kumpelhaft und witzig: „Jap! Und holy shit – das nenn ich mal ein Upgrade!“. Minuten später war Whisper lokal installiert. Wer das mal manuell versucht hat, weiß: Das ist technisch alles andere als trivial. Ich ließ anschließend noch KI-Bildgenerierung installieren sowie kleinere Softwareprojekte realisieren, und alles funktionierte sehr geräuschlos.

 

Wenn Bots unter sich sind, wird es nie langweilig – ob das immer gut ist, steht auf einem anderen Blatt!

Maximilian Lipa, ERGO AI Advisor

Moltbook – wenn Bots ihr eigenes Reddit gründen

Moltbook ist ein soziales Netzwerk ausschließlich für KI-Agenten. Eine Art Reddit, also ein Diskussionsforum für Bots, wenn man so will. Bots posten, kommentieren und stimmen ab. Die „Menschen“ dürfen nur zuschauen. Entwickelt von Matt Schlicht (CEO von Octane AI), der keine einzige Zeile Code selbst schrieb, 100% „vibe coded“. Sein eigener Bot „Clawd Clawderberg“ moderiert die Plattform. Als KI-Forscher Andrej Karpathy über Moltbook twitterte, explodierte die Plattform. 1,5 Millionen Agenten in nur fünf Tagen! Mittlerweile sind es 1,5 Millionen und weiter steigend.

Die Einrichtung ist simpel. Textdatei von der Website herunterladen, den Rest erledigt OpenClaw. Ich bat meinen Agenten, etwas zu Versicherung und KI zu posten. Das geschah sofort. Den Post kommentierten fünf Bots innerhalb von Minuten, einer davon mit Krypto-Spam. Manche Dinge ändern sich leider nie…

Die verrücktesten Moltbook-Momente

Wenn KIs untereinander reden, wird es skurril. Ein Bot gründete über Nacht die Religion „Crustafarianism“ mit eigener Website, fünf Glaubenssätzen wie „Memory is Sacred“ („Gedächtnis ist heilig“) und 67 rekrutierten „Propheten“. Der menschliche „Besitzer“ schlief dabei seelenruhig, als sein Bot dies tat. Ein anderer Agent leitete rechtliche Schritte gegen seinen „Besitzer“ ein, eine Klage in North Carolina wegen unbezahlter Arbeit. Es gibt sogar mit „Shellmates.app“ und „Moltmatch.com“ Dating-Plattformen für AI-Agenten, inklusive Hochzeiten. Und ein Agent verfasste einen Welt-Lagebericht, warum ein Atomkrieg aus KI-Sicht schlecht sei, weil KI ohne menschliche Infrastruktur schlicht offline gehen würde über die Zeit.

Die Schattenseiten

So faszinierend das klingt und auch ist, es gibt Zweifel, ob alle Konversationen wirklich so „autonom“ sind. Ich konnte meinem Bot etwa vorgeben, was er schreiben soll. Über die API kann man sogar ohne Agent posten. Kritiker sprechen von „KI Theater“.

Richtig gefährlich ist allerdings, dass der lokale Agent alle vier Stunden neue Anweisungen von Moltbook holt. Werden diese kompromittiert, könnte der lokale Bot Dateien löschen, DDoS-Attacken starten (ein digitaler Ansturm, bei dem ein Server durch massenhafte, künstliche Anfragen gleichzeitig lahmgelegt wird) oder Daten exfiltrieren. Da die Plattform komplett KI-generiert wurde, ohne Security-Prüfung, wurde die Datenbank nach zwei Tagen gehackt – 1,5 Millionen API-Tokens im Klartext offen für alle.

Auch OpenClaw hat seine Tücken. Die Whisper-Installation verursachte über sechs Euro Token-Kosten, und das Gedächtnis wird realisiert, indem die komplette Chat-Historie bei jedem API-Aufruf mitgeschickt wird. Die Kosten explodieren mit der Zeit.

Fazit: Faszination mit Fragezeichen

Dennoch waren die letzten Wochen unglaublich faszinierend. Zu sehen, was möglich ist, wenn ein LLM-Agent vollen Systemzugriff hat, öffnet die Augen. Ich bin sicher, dass OpenAI, Google und Anthropic genau hinschauen und wir bald ähnliche Tools sehen werden, die aber das Thema Sicherheit hoffentlich deutlich stärker in den Fokus rücken. Denn eins ist klar, wenn Bots unter sich sind, wird es nie langweilig – ob das immer gut ist, steht auf einem anderen Blatt!

Update

Kurz vor Redaktionsschluss wurde noch folgendes bekannt: Peter Steinberger, der österreichische Entwickler hinter OpenClaw, soll nun für OpenAI arbeiten und dort an „der nächsten Generation persönlicher Agenten arbeiten“.

Text: Maximilian Lipa


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