Digitalisierung & Technologie, 18. Februar 2026

Vibe Coding: Warum die angesagteste Programmiersprache Englisch ist

Ein Selbstversuch von Kolumnist Markus Sekulla

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Vibe Coding ist 2026 der heißeste Trend in der Tech-Welt. Überall wird darüber gesprochen, von Silicon Valley bis in deutsche Großraum-Büros. Und wenn es diese Woche ein Event zu KI in eurer Stadt gibt, dann wette ich, dass es um Viben geht. Aber kann man wirklich Software entwickeln, ohne eine Zeile Code zu verstehen? Ja, klar. So zumindest lautet das Versprechen, dem sich unser Kolumnist Markus Sekulla bei einem Selbsttest konfrontiert sieht.

Neulich erreichen mich drei enthusiatische Nachrichten von drei verschiedene Menschen aus meinem digitalen Umfeld. Der gemeinsame Nenner: Wir sind vorne mit dabei, wenn es um Vibe Coding geht.

Das erste Mal dachte ich noch: Okay, wieder so ein Hype. Das zweite Mal: Interessant. Beim dritten Mal wurde mir klar: Da passiert gerade etwas. Etwas, das man entweder belächeln kann oder selbst ausprobieren muss.

Klarer Fall: Wir machen – wie immer – eine Mischung aus beidem.

Was ist Vibe Coding?

Andrej Karpathy, Mitbegründer von OpenAI, ehemaliger KI-Chef bei Tesla, also durchaus jemand, der weiß, wovon er spricht, hat den Begriff im Februar 2025 geprägt.

Seine Idee: Vibe Coding ist Softwareentwicklung durch natürliche Sprache. Man gibt der KI Anweisungen auf Englisch (oder Deutsch), und sie schreibt den Code. Setzt ihn um. Debuggt ihn sogar. Danach kann man den Code schnell ändern. Man vibed sozusagen mit der KI.

Kurzum: Man baut Apps und Websites mit Worten statt mit Programmiersprachen.

Was mich zur entscheidenden Frage bringt: Wie kompliziert ist es eigentlich, von absoluter Null auf eine funktionierende One-Trick-Pony-App zu kommen?

Zeit für den Selbsttest.

Tool-Chaos, Teil zwei

Wer meinen Agentic-AI-Artikel gelesen hat, kennt das Muster: Am Anfang steht immer die große Frage: Welches Tool nehme ich?

Ich frage ChatGPT. „Was würdest du empfehlen?“ ChatGPT nennt mir drei:

Bolt.new – Ein Browser-basiertes Tool, das direkt im Browser Code generiert und eine Live-Preview zeigt. Kein Download nötig, schnell, aber begrenzt auf einfachere Projekte.

Replit – Eine vollwertige Online-Entwicklungsumgebung mit Kollaborations-Features. Funktioniert für komplexere Projekte, braucht aber mehr Einarbeitung.

Cursor – Ein Desktop-Editor mit eingebauter KI, der wie VS Code aussieht, aber intelligenter Code-Vorschläge macht. Eher für Leute, die schon etwas Erfahrung haben, würde ich sagen.

Ich frage Claude. „Was würdest du empfehlen?“
Claude schlägt vor: „Nutze doch einfach mich – Claude Code in der Pro-Version.“

Ich mag Selbstbewusstsein. Also bleibe ich bei Claude.

Dann kommt die erste Welle an Begriffen, die sich anfühlen wie eine Fremdsprache, die man eigentlich verstehen müsste: Refactoring. Deploy. Environment. Repository. Container. Build.

Es ist wie Gebärdensprache beobachten – man ahnt die Bedeutung, versteht die Gesten intuitiv, aber nichts Genaues weiß man nicht.

Zum Weiterlesen: Hier gibt es einen weitreichenden Überblick über die Tools, die es im Moment am Markt gibt: https://manus.im/de/blog/best-vibe-coding-tools

Ich habe nicht eine einzige Zeile Code selbst geschrieben. Ich habe nur gesagt, was ich will. In normaler Sprache. Subjekt, Prädikat, Objekt.

Markus Sekulla, Digitalberater

Die Idee: Ein Countdown, der mir tatsächlich fehlt

Meine Idee: Die American Football-Saison der NFL startet am 10. September 2026. Das sind noch ca. 7 Monate. Und ich will nicht ständig selbst nachrechnen, wie viele Tage wir als Fan-Gruppe noch warten müssen. Also versuche ich mich mal an einem Event-Countdown-Generator. Eingabe: Datum + Name des Events. Output: Eine kleine Website mit animiertem Countdown, die ich teilen kann.

Ich öffne Claude Code und tippe:

„Bau mir einen animierten Countdown für die Football-Saison 2026. Start: 10. September 2026. Design: modern, dunkler Hintergrund, große Zahlen.“

Enter.

Claude antwortet nicht mit einer Gegenfrage, wie man es von LLMs mittlerweile so leidlich gewohnt ist. Auch nicht mit einem „Das geht so nicht“. Sondern mit einem kompletten Code-Block. HTML, JavaScript, ein bisschen CSS. Sauber formatiert. Mit Kommentaren.

Es funktioniert ohne Fehlermeldung. Kein Absturz. Keine kryptische Error-Message, die mich zwei Stunden googeln lässt. Perplexität macht sich breit.

Klar, die App ist rudimentär. Sie hat kein fancy Design, keine Datenbank im Hintergrund, keine Cloud-Anbindung. Sie ist nicht bereit für den App Store. Aber sie tut, was ich wollte.

Und das Verrückte daran: Ich habe nicht eine einzige Zeile Code selbst geschrieben. Ich habe nur gesagt, was ich will. In normaler Sprache. Subjekt, Prädikat, Objekt.

Okay. Das hat wirklich Potential. Ich lehne mich mit meinem Kaffee zurück und denke über weitere kleine Gimmicks nach, die ich einfach so machen könnte.

Die Grenzen: Wo die Vibe-Blase platzt

Natürlich bleibt es nicht so einfach.

Als ich Claude aus Gründen der Neugierde bitte, den Countdown zu erweitern: „Füge einen Konfetti-Regen hinzu, der losgeht, wenn der Countdown auf Null steht und schicke mir in den letzten zehn Tagen jeweils eine Countdown-E-Mail“, wird es schnell komplizierter.

Plötzlich bin ich wieder im Technik-Dschungel. Claude und ich viben nicht mehr so sehr. Dazu fehlt mir einfach auch erstmal das Verständnis und der Kontext.

Und genau hier liegt die Grenze: Für einfache, klar umrissene Aufgaben ist Vibe Coding brillant. Fast schon magisch. Für komplexe, vernetzte Systeme braucht man weiterhin echtes Know-how. Oder zumindest jemanden, der versteht, was die KI da gerade vorschlägt. Trotzdem: Alle Leute, mit denen ich zu dem Thema gesprochen habe, sagen, dass die Lernkurve ziemlich steil ist und man recht schnell auch erste Grenzen überwindet und komplexere Anwendungen programmieren kann.

Die Blackbox hat sich also noch nicht aufgelöst, sie hat sich nur verschoben. Noch. Stand Ende Januar 2026.

Hier gibt es die einfache Seite, die ich mir jetzt gebookmarked habe: https://football-season-countdown.netlify.app/

Zum Weiterschauen: Ein 35 minütiges Video, in dem zahlreiche Vibe Coding Begriffe und Kniffe erklärt werden: https://www.youtube.com/watch?v=Px_yUq5Nos0

Fazit

Die Einstiegshürde ist dramatisch gesunken. Ich habe in 45 Minuten etwas gebaut, wofür ich vor zwei Jahren dringend fachliche Verstärkung gebraucht hätte, aber: Ein scharfes Küchenmesser macht dich nicht zur Chefköchin.

Text: Markus Sekulla


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Autor: Markus Sekulla, Digitalberater

Markus Sekulla ist Kommunikationsberater aus Düsseldorf, spezialisiert auf Executive Positioning, PR, Content Creation und den Einsatz von KI in der Kommunikation.

Markus Sekulla  – Freiberuflicher Digitalberater

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