Digitalisierung & Technologie, 13. Mai 2026

Gründungsboom dank KI?

Durch generative KI ist es leichter geworden, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln

Mann mit weißem Hemd sitzt auf Betontreppe

Für KI-Anwendungen gibt es einen globalen Milliardenmarkt – auch in Deutschland setzen immer mehr Start-ups auf künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz ist das große Versprechen unserer Zeit. Sie revolutioniert unsere Art zu arbeiten und zu wirtschaften. Dass sie unter Investoren vielfach Goldgräberstimmung erzeugt, ist kein Wunder: Nach Angaben der EU entfielen im ersten Halbjahr 2025 beinah 50 Prozent der globalen Risikokapitalfinanzierung auf Projekte mit dem Fokus KI; innerhalb der EU waren es 27 Prozent. Dieser Aufbruch fällt in eine Zeit, in der namentlich die deutsche Wirtschaft nur schwach wächst: Investitionen sind im EU-Vergleich unterdurchschnittlich und der Innovationsindikator von BDI und Roland Berger zeigt, dass technische Innovationen in Deutschland oft langsamer zur Anwendung gebracht werden.

Gibt es dennoch auch in Deutschland einen Gründungsboom dank KI? Sehen wir den Beginn einer neuen Innovationswelle oder laufen deutsche Unternehmen dem globalen Trend in Sichtweite hinterher?

Der globale KI-Boom

Der globale Boom ist unbestreitbar: Nach Angaben des Stanford AI Index flossen über das gesamte Jahr 2024 weltweit 33,9 Milliarden US-Dollar in Start-ups mit dem Fokus Generative AI – das ist mehr als das Achtfache des Investitionsvolumens von 2022. Im gleichen Jahr nutzten 78 Prozent aller befragten Organisationen und Unternehmen KI – 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Markt für KI-Anwendungen ist da – und er wird weltweit von immer mehr Unternehmen bedient.

Deutschland: Euphorie dank KI?

Auch in Deutschland ist Euphorie zu spüren: 2025 gab es nach einer Analyse des Startup-Verbands mit 3568 Start-up-Gründungen einen neuen Landesrekord – das waren 29 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die neuen Unternehmen konzentrieren sich vor allem in einigen großen Städten: Von den dreieinhalbtausend Neugründungen sitzen allein 619 in Berlin. Wichtige Standorte sind auch München (290), Hamburg (203) und Köln (120); daneben spielen Städte wie Aachen, Potsdam oder Heidelberg eine Rolle, an denen große Universitäten oder andere Forschungsinstitute angesiedelt sind; auch Düsseldorf hat einen großen Sprung gemacht.

Hat dieser Boom mit der neuen Schlüsseltechnologie KI zu tun? Tatsächlich zeigt die Start-up-Studie, dass auch in Deutschland künstliche Intelligenz ein wichtiger Wachstumsfaktor ist: Noch 2019 war nur bei 6,3 Prozent aller Gründungen KI wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells; 2023 lag der Wert schon bei knapp 14 Prozent. Im Jahr 2025 schließlich hatten 27 Prozent der Gründungen – das entspricht 979 Unternehmen – Bezug zu künstlicher Intelligenz. Die Dynamik, die hier sichtbar wird, hat vermutlich dazu beigetragen, dass die deutsche Wirtschaft die Gründungsflaute der letzten Jahre kompensieren konnte: Waren 2022 im Schnitt deutschlandweit nur 143 Unternehmen pro Monat gegründet worden, wurden 2025 monatlich 363 Neugründungen gezählt.

Nach der Beobachtung von Bessem Ayari, Head of Innovation Strategy & Scouting bei ERGO, nutzt mittlerweile die große Mehrheit der Start-ups, die sich bei ERGO als mögliche Partner vorstellen, künstliche Intelligenz als Teil des Geschäftsmodells:

Wir erleben seit ungefähr zwei Jahren bei den Start-ups einen starken Anstieg der Modelle mit KI-Komponente. Gerade durch generative KI ist es viel leichter geworden, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Bessem Ayari, Head of Innovation Strategy & Scouting bei ERGO

Welche Unternehmen entstehen im Zuge des KI-Booms?

Welche Branchen profitieren besonders von der skizzierten KI-Dynamik? Wenig überraschend liegen die Bereiche Softwareentwicklung und IT hier weit vorne – in keiner anderen Branche gab es so viele KI-Neugründungen: Künstliche Intelligenz unterstützt beim Programmieren, erkennt Bedrohungen und analysiert Risiken. Andere wichtige Wirtschaftszweige sind Medizin, Nahrungsmittel, E-Commerce, Gaming, Bildung, Mobilität, Industrie, Medien und Personalwesen. In den Bereichen LegalTech und Werbung sind bereits über 50 Prozent aller Neugründungen KI-zentriert.

Teilweise knüpfen KI-Anwendungen an traditionelle Stärken der deutschen Wirtschaft an, zum Beispiel im Bereich industrieller Dienstleistungen. In anderen Bereichen orientieren neue Unternehmen sich an internationalen Trends oder betreten gänzlich Neuland. Ein paar Beispiele:

  • Sprachmodelle: Aleph Alpha in Heidelberg entwickelt Sprachmodelle nach Art US-amerikanischer Vorbilder. Inhaltliche Schwerpunkte sind Datensouveränität und Datensicherheit, was vor allem für Kunden in Industrie, Verwaltung und Militär interessant ist.
  • Automatisierung von Kommunikation: Neuroflash aus Hamburg entwickelt Tools zur Erstellung und Optimierung von Marketing-Texten. Die Automatisierung von Marketing-Kommunikation spart Zeit und Arbeitsstunden.
  • Wartung in Verkehr und Industrie: KONUX in München automatisiert die Wartung an Schienen und Gleisen von Eisenbahnnetzen. KI wertet Angaben von Sensoren aus, um Verschleiß und Fehlfunktionen schon weit im Vorfeld zu erkennen.
  • Qualitätskontrolle: 36ZERO Vision, Standort in München, entwickelt Anwendungen, bei denen visuelle KI Werkstücke in Produktionsprozessen auf Fehler und Probleme überprüft.
  • Datenschutz: Brighter AI aus Berlin entwickelt Software, die selbständig Bilder von Personen in Bildern und Videos anonymisieren kann.
  • Medizin: AIRAmed in Tübingen bietet Lösungen zur Unterstützung von medizinischen Diagnosen, vor allem im Bereich der Auswertung medizinischer Bilddaten. Auffälligkeiten werden schnell identifiziert; so kann die Behandlung von Krankheiten frühzeitig begonnen werden.

Beim Vergleich dieser und anderer Unternehmen lassen sich verschiedene Anwendungsmuster erkennen: Produktivitätsanwendungen automatisieren Routinetätigkeiten und sparen dadurch Zeit und Arbeitsstunden. Prozessanwendungen steuern industrielle Prozesse wie Wartung, Logistik oder Qualitätskontrolle. Anwendungen in hochregulierten Bereichen unterstützen Menschen in sensiblen, oft rechtlich besonders geregelten Anwendungsbereichen wie Medizin, Datenschutz oder Cybersicherheit; sie müssen oft besonders hohen rechtlichen Anforderungen genügen.

KI-Start-ups und Versicherungen

Auch für die Entwicklung der Versicherungsbranche ist die Technologie von KI-Start-ups wichtig – viele Prozesse lassen sich möglicherweise vereinfachen und beschleunigen. ERGO arbeitet zum Beispiel mit dem indischen Startup CamCom zusammen, dessen Technologie mittlerweile in fünf Ländern von ERGO zur Bewertung von Schäden bei Autos und Immobilien eingesetzt wird: Über eine App laden Kunden Fotos oder Videos von Schäden hoch und eine KI analysiert, ob hier repariert oder ausgetauscht werden sollte. So brauchen Kunden nicht mehr auf einen Gutachter zu warten.

ERGO investiert über den Venture Capitalist Earlybird in innovative und technologiegetriebene Start-ups, betreut ausgewählte Start-up-Partner im ERGO Scalehub, einem Corporate-Accelerator-Programm, und kauft für anstehende Aufgaben gezielt Lösungen bei Start-ups ein („Venture Clienting“). Auf diese Weise wurden bislang über 90 Start-up-Kooperationen eingeleitet.

Eine besondere Herausforderung im Versicherungswesen ist die starke Regulierung der Branche. KI-Anwendungen müssen teils weitreichenden Vorgaben zu Datenschutz und Compliance Genüge tun. ERGO baut neben der Kooperation mit Start-ups auch eigene KI-Ressourcen auf und investiert 130 Millionen Euro in generative künstliche Intelligenz.

Kann KI die Innovationsflaute in der deutschen Wirtschaft beenden?

Wie nachhaltig ist dieser von KI getriebene Boom bei Unternehmensgründungen in Deutschland?

Dass nicht alle bei einer Gründungswelle entstandenen Firmen überleben, ist normal. Der Wettbewerb ist scharf. Auch ist erfahrungsgemäß nicht alles, was technisch faszinierend klingt, wirtschaftlich sinnvoll einzusetzen. KI-Anwendungen müssen einen messbaren Mehrwert aufweisen, damit Unternehmen und Verbraucher sie nachhaltig nutzen wollen. Darüber hinaus müssen sie ohne allzu großen Aufwand in die Arbeitsprozesse von Unternehmen integrierbar sein (Adoption). Diese Nachweise müssen Start-ups erst einmal erbringen.

Sicher wird es daher auch diesmal zu einer Auslese und Verdichtung kommen, in deren Verlauf viele Unternehmen auf der Strecke bleiben; manche werden vermutlich auch von schneller wachsenden Konkurrenten übernommen werden. Dies gilt aber nicht nur für Deutschland, sondern für den KI-Boom weltweit.

Als spezifisch deutsches Problem könnte sich dagegen die Finanzierung erweisen. Verglichen vor allem mit den USA, dem Ausgangspunkt des gegenwärtigen Booms, ist es in Deutschland oft schwerer, Investitionen anzustoßen und Gelder zur Finanzierung von Start-ups einzusammeln. So wurden in den USA 2024 branchenübergreifend über 200 Milliarden Dollar Risikokapital investiert – in Deutschland waren es im gleichen Zeitraum weniger als 10 Milliarden Dollar.

Künstliche Intelligenz bietet aber gerade für die deutsche Wirtschaft technologiebedingt einige Vorteile.

  • Die Entwicklungskosten sind für junge Unternehmen relativ niedrig. Schon vorhandene KI-Modelle können produktiv zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle genutzt werden, zum Beispiel für Entwicklung von Software und Prototypen. Dadurch wird für die Produktentwicklung auch deutlich weniger Zeit benötigt. Dies alles senkt die Hürden für Unternehmensgründungen. Für viele Anwendungsfälle ist der Investitionsbedarf am Anfang durchaus überschaubar. Deutschlands Investitionsschwäche wirkt sich hier möglicherweise nicht so stark aus wie in anderen Bereichen.
  • Deutschland hat eine lange Industrietradition. Die Entwicklung von KI-gestützten Dienstleistungen und Anwendungen für die Industrie passt zu vorhandenen Strukturen und Mentalitäten.
  • Der Markt ist riesig. Über kurz oder lang wird kaum ein Unternehmen ohne KI auskommen wollen. Deutschland mit seinen zahlreichen Unternehmen bietet großes Potenzial für Dienstleistungen, die passgenau auf Firmenkunden zugeschnitten sind. Diese Dienstleistungen lassen sich am effizientesten von Firmen vor Ort erbringen.

Da KI-Dienstleistungen ja oft gezielt Produktivitäts- und Qualitätsprobleme von Unternehmen angehen, könnte ein deutscher KI-Boom durchaus einen neuen industriellen Aufbruch in der deutschen Wirtschaft anschieben – der seinerseits wiederum die Nachfrage nach KI-zentrierten Services steigern würde. Ob eine solche Aufwärtsspirale zustande kommt, hängt nicht zuletzt davon ab, ob genug Investitionskapital verfügbar gemacht werden kann. In diesem Sinne ist der KI-Boom weniger ein Goldrausch als ein weitreichender Strukturtest: Wie schnell lassen sich strukturelle Innovationen in Realwirtschaft und Finanzwirtschaft umsetzen? Genau das wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Text: Thorsten Kleinschmidt 


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