Perspectives · Wirtschaft & Unternehmen

Fractional Ownership bei Kunst öffnet neue Zugänge

Wie Teileigentum die Risikobewertung verändert

Text: Redaktion //context · Interview mit Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt

30. April 2026, aktualisiert 5. November 2026 · 4 Min. Lesezeit

Porträt von Dr. Louisa Isabel Krämer-Weidenhaupt
Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt. Bild: Patrick Ilunga; Edit: Anna Petrova

Ein Anteil an einem Banksy oder Picasso, ganz ohne eigenes Depot und Millionenvermögen: Immer mehr Plattformen machen hochpreisige Kunst für eine breitere Anlegerschaft zugänglich. Im Interview erklärt Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG, wie Fractional Ownership bei Kunst funktioniert und welche Risiken damit verbunden sind.


Was versteht man unter Fractional Ownership oder Teileigentum an Kunstwerken?

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Beim Fractional Ownership wird ein Kunstwerk nicht mehr von einer Person oder Institution vollständig gehalten, sondern in viele Anteile aufgeteilt. Diese Anteile können Investorinnen und Investoren über spezialisierte Plattformen erwerben, häufig verbrieft durch digitale Zertifikate. Die Plattform übernimmt dabei in der Regel alles Operative: Lagerung, Verwaltung, Handel und auch die Veräußerung der Anteile.

Warum gewinnt dieses Modell gerade jetzt an Bedeutung?

Dr. Louisa Isabel Krämer-Weidenhaupt: Zum einen, weil der hochpreisige Kunstmarkt für viele traditionell kaum zugänglich war. Fractional Ownership senkt die Einstiegshürden. Man kann sich mit vergleichsweise kleinen Beträgen an Werken beteiligen, die sonst nur sehr vermögenden Sammlerinnen und Sammlern offenstehen.

Zum anderen passt das Modell gut zu einem allgemeinen Trend: Kunst wird zunehmend als alternative Anlageklasse wahrgenommen, mit eigenen Rendite- und Risikoprofilen. Entsprechend stark ist der Markt gewachsen. Inzwischen reden wir global von einem Volumen im mittleren dreistelligen Millionenbereich, Tendenz steigend.

Wo liegen die Risiken des Teileigentums?

Anteilseignerinnen und Anteilseigner haben meist keinen Einfluss auf zentrale risikorelevante Entscheidungen.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Die Vorteile sind real, aber sie kommen mit erheblichen Risiken und einer hohen Komplexität. Fractional Ownership ist rechtlich, regulatorisch und operativ sehr anspruchsvoll. Die wirtschaftlich Berechtigten, also die Anteilseignerinnen und Anteilseigner, haben meist keinen Einfluss auf zentrale risikorelevante Entscheidungen: zum Beispiel darauf, wo das Kunstwerk gelagert wird, ob es transportiert oder ausgestellt wird und welche konservatorischen Maßnahmen ergriffen werden.

Gleichzeitig hängt der Erfolg des Investments stark von der Integrität und Professionalität der Plattform ab. Fehlende Transparenz, schwache Strukturen in der Unternehmensführung oder Interessenkonflikte können schnell zu erheblichen Wertverlusten führen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir bereits Strukturen gesehen, etwa Kunstfonds, bei denen genau diese Faktoren zum Problem wurden.

Welche Rolle spielt Betrugsprävention bei Fractional Ownership?

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Eine sehr zentrale Rolle, weil intransparente Märkte anfällig für Missbrauch sind. In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen Kunsthändlerinnen und Kunsthändler zum Beispiel mehr als 100 Prozent an einem Werk verkauft haben oder Werke mehrfach beliehen wurden.

Fractional Ownership ist zudem nicht direkt mit Volleigentum vergleichbar. Eingeschränkte Kontrolle, geringere Veräußerbarkeit und Abstimmungsbedarf können zu Wertabschlägen führen, mit Folgen für Versicherungswerte, Prämien und Entschädigungen.

Was bedeutet das Modell für die Kunstversicherung?

Nicht nur das Werk zählt, sondern auch das ‚Betriebssystem’ der Plattform, die es in Anteile aufteilt.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Wir müssen klären, ob überhaupt ein versicherbares Interesse besteht, wenn Eigentumsverhältnisse unklar, überlagert oder mehrfach vergeben sind. Im Fokus steht nicht nur das Kunstwerk, sondern auch die Qualität der Strukturen dahinter: die Transparenz der Plattform, klare Verantwortlichkeiten sowie die Prüfung von Provenienz, Echtheit und Zustand und die laufende Aktualisierung der Dokumentation.

Die Risikoprüfung verlagert sich damit stark auf die Ebene der Plattform und ihrer Prozesse. Kurz gesagt: Nicht nur das Werk zählt, sondern auch das „Betriebssystem“ der Plattform, die es in Anteile aufteilt.

Welche Herausforderungen bringen digitale Eigentumszertifikate mit sich?

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Digitale Eigentumszertifikate werfen neue Fragen zu Cyberrisiken und Systemfehlern auf. Relevant ist, was passiert, wenn Zertifikate gehackt, manipuliert oder gelöscht werden und nicht das physische Objekt, sondern das digitale Nachweissystem betroffen ist.

Künftig wird zu klären sein, ob und wie Zertifikate, Register oder Plattformsysteme selbst als Teil des Versicherungsschutzes gelten. Das ist eine spannende, aber auch anspruchsvolle Entwicklung, denn Kunsthandel trifft hier sehr direkt auf IT-Risiken.

Wie entwickelt sich die Kunstversicherung in diesem Feld weiter?

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt: Fractional Ownership ist ein spannender Schritt in der Entwicklung des Kunstmarkts. Es demokratisiert den Zugang, macht Kunst als Anlageklasse breiter investierbar und fordert uns als Versicherer heraus, unsere Modelle weiterzuentwickeln.

Für Versicherer heißt das: weg von der reinen Objektbetrachtung, hin zu einer Bewertung von Strukturen, Verantwortlichkeiten und Vertrauen. Am Ende sichern wir nicht mehr nur „das Bild an der Wand“ ab, sondern auch die Plattformen und Prozesse, die diesen neuen Markt überhaupt erst möglich machen.

Über diesen Beitrag

Unsere Beiträge geben den Sach- und Rechtsstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bzw. der letzten Aktualisierung wieder und werden von Fachexpertinnen und Fachexperten verfasst oder fachlich geprüft.

Expertin für Kunstversicherung

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt verbindet fundierte Kunstmarktexpertise mit langjähriger Erfahrung in der Kunstversicherung. Sie arbeitet als Underwriterin Fine Art & Private Clients bei ERGO und befasst sich mit der Bewertung und Absicherung privater und institutioneller Sammlungen sowie mit Fragen der Provenienz, Due Diligence und Risikoprävention. Sie beschäftigt sich außerdem mit komplexen Risiken im Kunsthandel. Als promovierte Kunsthistorikerin, Forscherin und Buchautorin sind zudem wirtschaftliche, rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Kunstmarkts ihr Thema.

Portrait Dr. Louisa Isabel Krämer-Weidenhaupt

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