Strategie & Geschäftsfelder, 10. Juli 2026

Waldbrände als Industrierisiko

Interview mit Experten der Köln.Assekuranz

Waldbrand

Traurig, aber wahr: Waldbrände sind mittlerweile in vielen Ländern der Welt ein wachsendes Risiko – auch für Unternehmen. Wie sie sich schützen können, erklären Sarah Reuter und Sebastian Kempka von der KA Köln. Assekuranz Agentur GmbH im Interview. Die Köln.Assekuranz ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der ERGO, die als Bindeglied zwischen Industriekunden und Versicherung agiert.

Viele haben noch die verheerenden Brände in Los Angeles vor Augen, da brennen auch schon wieder die Wälder in Südeuropa. Und auch in Deutschland ist die Waldbrandgefahr durch anhaltende Trockenheit groß. Sollten deutsche Industrieunternehmen hier aufhorchen?

Sebastian Kempka: Sie sollten nicht nur aufhorchen – sie sollten handeln. Viele Unternehmen unterschätzen noch immer, wie stark sich das Waldbrandrisiko in Europa verändert hat. Waldbrände sind kein Risiko, das nur Kalifornien oder Südeuropa betrifft. Sie können heute auch Industrie- und Logistikstandorte in Deutschland direkt oder indirekt beeinträchtigen.

Schauen Sie sich an, was am 5. Juli 2026 in Thessaloniki passiert ist: Ein Vegetationsbrand am nordwestlichen Stadtrand griff auf ein Industriegebiet über – eine Recyclinganlage und ein Textilbetrieb gerieten in Brand. Das ist kein exotisches Szenario. Das betrifft auch Mitteleuropa. Unternehmen mit Anlagen in Waldnähe sollten das sehr ernst nehmen.

In Deutschland wird die Waldbrandbekämpfung zusätzlich dadurch erschwert, dass zahlreiche Waldgebiete mit Kampfmittelresten belastet sind. Beim jüngsten Waldbrand nahe Bad Kreuznach konnte die Brandbekämpfung daher teilweise nur mithilfe eines Löschroboters erfolgen, um Einsatzkräfte nicht unnötig zu gefährden.

Was treibt diese Entwicklung an? Ist es allein der Klimawandel?

Sarah Reuter: Der Klimawandel ist ein entscheidender Faktor für die steigende Waldbrandgefahr. Treiber für Waldbrände sind im Wesentlichen: zunehmende Trockenheit, niedrige Luftfeuchtigkeit, Trockenblitz und starke Winde, welche zunehmend vom Klimawandel verstärkt werden. Dadurch erhöht sich in vielen Regionen das klimatische Potenzial für Waldbrände. Ob und wann es tatsächlich zu Bränden kommt, hängt jedoch weiterhin von Zündquellen, der Vegetation und weiteren lokalen Faktoren ab.

Wie lässt sich die Gefährdung eines Standorts überhaupt einschätzen?

Sarah Reuter: Das gelingt in zwei Schritten. Zunächst fassen wir klimatische Einzelparameter – u.a. Blitzdichte, Dürre, relative Luftfeuchtigkeit, Oberflächenwinde – zu einem Waldbrandpotenzial zusammen. Der zeigt, wo die Voraussetzungen für Brände günstig sind. Aber das allein reicht nicht. Ein hohes Potenzial in der Wüste bedeutet wenig, weil dort kaum brennbares Material vorhanden ist.

Erst mit zusätzlichem Blick darauf, ob und welche Art von Vegetation an einem Standort vorhanden ist, ergibt sich ein vollständiges Bild der Waldbrandgefährdung.

Eine solche Bewertung liefert die KA Köln.Assekuranz im Rahmen ihrer Klimarisiko- und Vulnerabilitätsanalyse, indem sie klimatische Bedingungen mit Informationen zur Landnutzung und Vegetation zusammenführt.

Ein brennbares Lagergut im Freien ist beispielsweise deutlich stärker gefährdet als dasselbe Lagergut in einem feuerbeständigen Brandschutzlager. Ein Standort mitten im Wald muss nicht zwangsläufig ein hohes Risiko bedeuten – wenn die Schutzmaßnahmen stimmen.

Sarah Reuter, Teamleiterin KA Risk Lab, Köln.Assekuranz

Und wie wird daraus ein konkretes Risiko für ein Unternehmen?

Sarah Reuter: Entscheidend ist nicht allein die Waldbrandgefahr am Standort, sondern auch die Vulnerabilität der dort vorhandenen Werte. Der von uns ermittelte qualitative Risikoindex ergibt sich aus drei Faktoren: dem klimatischen Waldbrandpotenzial, dem verfügbaren brennbaren Material und der Empfindlichkeit der Anlage, also der Vulnerabilität. Ein brennbares Lagergut im Freien ist beispielsweise deutlich stärker gefährdet als dasselbe Lagergut in einem feuerbeständigen Brandschutzlager. Ein Standort mitten im Wald muss nicht zwangsläufig ein hohes Risiko bedeuten – wenn die Schutzmaßnahmen stimmen.

Welche konkreten Gefahren können sich für industrielle Anlagen ergeben?

Sebastian Kempka: In einigen Regionen der Welt befinden sich Anlagen der petrochemischen Industrie in unmittelbarer Nähe zu bewaldeten Flächen – darunter Pipelines, Tanklager und Raffinerieinfrastruktur. Bei Vegetationsbränden stellt insbesondere der Funken- und Glutflug ein erhebliches Risiko dar. So können beispielsweise die Randabdichtungssysteme von Schwimmdächern auf Lagertanks durch glühende Partikel entzündet werden. Die Größenordnung wird bei einer einfachen Betrachtung deutlich: In einem Abstand von 30 Metern zur brennenden Vegetation können nach einer australischen Berechnungsmethode etwa fünf Glutpartikel pro Quadratmeter auf eine Oberfläche treffen. Bei einer Dachfläche von 2.000 Quadratmetern entspricht dies rund 10.000 potenziellen Zündquellen, die gleichzeitig auf eine Anlage einwirken können.

Sie sprechen von Funkenflug – ist das wirklich die größte Gefahr?

Sebastian Kempka: Für viele Industrieanlagen: ja. Die größte Gefahr ist häufig nicht die Flammenfront. Glutpartikel können vom Wind über große Entfernungen transportiert werden und weit vor der eigentlichen Brandfront neue Zündquellen setzen. Das macht Funkenflug so tückisch: Schutzmaßnahmen, die gegen direkte Flammen wirken, reichen dafür allein nicht aus. Dachflächen, Lagerbestände, offene Anlagenteile – all das kann durch Funkenflug entzündet werden, lange bevor die Feuerfront sichtbar ist. Aber auch Exponierung gegen Rauch kann bei vielen Gütern einen signifikanten Schaden verursachen.

Häufig lässt sich das Risiko reduzieren. Vorbeugender Waldbrandschutz sollte Bestandteil jeder Standortplanung in gefährdeten Gebieten sein.

Sebastian Kempka, Senior Consultant Technical Risk, Service & Nautical Science, Köln.Assekuranz

Was können Unternehmen konkret tun?

Sebastian Kempka: Häufig lässt sich das Risiko reduzieren. Vorbeugender Waldbrandschutz sollte Bestandteil jeder Standortplanung in gefährdeten Gebieten sein. Vier strukturelle Maßnahmen sind besonders wirksam: Wundstreifen ohne jede Vegetation bremsen Bodenfeuer, Schutzstreifen aus Bäumen ohne Bodenvegetation, Laubholzriegel quer zur vorherrschenden Windrichtung dämpfen Brandintensität und Funkenflug, und gut ausgebaute Waldwege sichern den Feuerwehrzugang. Unternehmen sollten außerdem nicht erst auf den nächsten Großbrand reagieren – entscheidend ist, potenzielle Schwachstellen frühzeitig zu erkennen. Bei der Analyse und Minderung von Waldbrand-Risiken können unsere Risk Consultants entscheidende Unterstützung leisten.

Oft wird nur über den Brandschaden gesprochen. Gibt es weitere wirtschaftliche Folgen, die unterschätzt werden?

Sarah Reuter: Ja, und das ist ein wichtiger Punkt. Die wirtschaftlichen Folgen reichen häufig weit über den eigentlichen Brandschaden hinaus. In vielen Fällen übersteigen Betriebsunterbrechungsschäden den eigentlichen Sachschaden deutlich. Ein Werk muss dafür nicht einmal direkt betroffen sein. Bereits gesperrte Verkehrswege, Evakuierungen oder Ausfälle bei Zulieferern können Produktion und Logistik erheblich beeinträchtigen.

Ihr Fazit?

Sarah Reuter: Waldbrände sind kein Umwelt- oder Forstthema. Sie entwickeln sich zunehmend zu einem relevanten Risiko für Unternehmensstandorte – auch in Europa. Wer systematisch analysiert, gezielt vorbeugt und im Ernstfall vorbereitet ist, kann das Schadenspotenzial erheblich begrenzen. Für Versicherer bedeutet das: Wir müssen dieses Risiko genauso ernst nehmen wie andere Naturgefahren – und Unternehmen dabei unterstützen, ihre Expositionen zu verstehen, bevor der nächste Brand kommt.

Sebastian Kempka: Waldbrandrisiken werden zunehmend zu einem Managementthema. Wer seine Exposition kennt und rechtzeitig vorsorgt, verschafft sich einen echten Resilienzvorteil.


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