Strategie & Geschäftsfelder, 30. April 2026

Ein Stück Meisterwerk gefällig?

Interview mit Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei ERGO

Louisa Krämer-Weidenhaupt

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Bild: Patrick Ilunga; Edit: Anna Petrova

Ein Anteil an einem Banksy oder Picasso – ganz ohne eigenes Depot und Millionenvermögen. Immer mehr Plattformen machen hochpreisige Kunst so für eine breitere Anlegerschaft zugänglich. Im Interview erklärt Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt Fractional Ownership.

Was genau versteht man unter „Fractional Ownership“ oder Teileigentum an Kunstwerken?

Beim Fractional Ownership wird ein Kunstwerk nicht mehr von einer Person oder Institution vollständig gehalten, sondern in viele Anteile aufgeteilt. Diese Anteile können über spezialisierte Plattformen von Investorinnen und Investoren erworben werden, häufig verbrieft durch digitale Zertifikate. Die Plattform übernimmt dabei in der Regel alles Operative - Lagerung, Verwaltung, Handel und auch die Veräußerung der Anteile.

Kunst wird zunehmend als alternative Anlageklasse wahrgenommen, mit eigenen Rendite- und Risikoprofilen.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG

Warum gewinnt dieses Modell gerade jetzt an Bedeutung?

Zum einen, weil der hochpreisige Kunstmarkt für viele traditionell kaum zugänglich war. Fractional Ownership senkt die Einstiegshürden. Man kann sich mit vergleichsweise kleinen Beträgen an Werken beteiligen, die sonst nur sehr vermögenden Sammlerinnen und Sammlern offenstehen. Zum anderen passt das Modell gut zu einem allgemeinen Trend: Kunst wird zunehmend als alternative Anlageklasse wahrgenommen, mit eigenen Rendite- und Risikoprofilen. Entsprechend stark ist der Markt gewachsen – inzwischen reden wir global von einem Volumen im mittleren dreistelligen Millionenbereich, Tendenz steigend.

Anteilseignerinnen und Anteilseigner haben meist keinen Einfluss auf zentrale risikorelevante Entscheidungen.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG

Das klingt zunächst nach einer klassischen Win-win-Situation. Wo liegen die Risiken?

Die Vorteile sind real – aber sie kommen mit erheblichen Risiken und einer hohen Komplexität. Fractional Ownership ist rechtlich, regulatorisch und operativ sehr anspruchsvoll. Die wirtschaftlich Berechtigten, also die Anteilseignerinnen und Anteilseigner, haben meist keinen Einfluss auf zentrale risikorelevante Entscheidungen: Zum Beispiel darauf, wo das Kunstwerk gelagert wird, ob es transportiert oder ausgestellt wird und welche konservatorischen Maßnahmen ergriffen werden.

Gleichzeitig hängt der Erfolg des Investments stark von der Integrität und Professionalität der Plattform ab. Fehlende Transparenz, schwache Strukturen in der Unternehmensführung oder Interessenkonflikte können schnell zu erheblichen Wertverlusten führen. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir bereits Strukturen gesehen, etwa Kunstfonds, bei denen genau diese Faktoren zum Problem wurden.

Welche Rolle spielt Betrugsprävention in diesem Zusammenhang?

Eine sehr zentrale Rolle, weil intransparente Märkte anfällig für Missbrauch sind. In der Vergangenheit gab es Fälle in denen Kunsthändler und Kunsthändlerinnen zum Beispiel mehr als 100 Prozent an einem Werk verkauft haben oder Werke mehrfach beliehen wurden. Fractional Ownership ist zudem nicht direkt mit Volleigentum vergleichbar; eingeschränkte Kontrolle, geringere Veräußerbarkeit und Abstimmungsbedarf können zu Wertabschlägen führen, mit Folgen für Versicherungswerte, Prämien und Entschädigungen.

Nicht nur das Werk zählt, sondern auch das ‚Betriebssystem‘ der Plattform die es in Anteile aufteilt.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG

Was heißt das konkret für die Kunstversicherung?

Wir müssen klären, ob überhaupt ein versicherbares Interesse besteht, wenn Eigentumsverhältnisse unklar, überlagert oder mehrfach vergeben sind. Im Fokus steht nicht nur das Kunstwerk, sondern die Qualität der Strukturen dahinter. Die Transparenz der Plattform, klare Verantwortlichkeiten sowie die Prüfung von Provenienz, Echtheit, Zustand und laufende Aktualisierung Dokumentation. Die Risikoprüfung verlagert sich damit stark auf die Ebene der Plattform und ihrer Prozesse. Kurz gesagt: Nicht nur das Werk zählt, sondern auch das „Betriebssystem“ der Plattform die es in Anteile aufteilt.

Kunsthandel trifft hier sehr direkt auf IT-Risiken.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG

Welche zusätzlichen Herausforderungen ergeben sich durch digitale Zertifikate?

Digitale Eigentumszertifikate werfen neue Fragen zu Cyberrisiken und Systemfehlern auf. Relevant ist, was passiert, wenn Zertifikate gehackt, manipuliert oder gelöscht werden und nicht das physische Objekt, sondern das digitale Nachweissystem betroffen ist. Künftig wird zu klären sein, ob und wie Zertifikate, Register oder Plattformsysteme selbst als Teil des Versicherungsschutzes gelten. Das ist eine spannende, aber auch anspruchsvolle Entwicklung, denn Kunsthandel trifft hier sehr direkt auf IT-Risiken.

Fractional Ownership verändert nicht nur den Zugang zum Kunstmarkt, sondern verschiebt auch die Risikoverantwortung fundamental.

Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG

Welches Fazit ziehen Sie – wohin entwickelt sich die Kunstversicherung in diesem Feld?

Fractional Ownership ist ein spannender Schritt in der Entwicklung des Kunstmarkts. Es demokratisiert den Zugang, macht Kunst als Anlageklasse breiter investierbar – und fordert uns als Versicherer heraus, unsere Modelle weiterzuentwickeln.

Für Versicherer heißt das weg von der reinen Objektbetrachtung hin zu einer Bewertung von Strukturen, Verantwortlichkeiten und Vertrauen. Am Ende sichern wir nicht mehr nur „das Bild an der Wand“ ab, sondern auch die Plattformen und Prozesse, die diesen neuen Markt überhaupt erst möglich machen.


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