Strategie & Geschäftsfelder, 21. August 2026

Was macht uns zukunftsfähig?

Um die Chancen der Zukunft nutzen zu können, müssen Unternehmen mehr bieten als „Innovation“

A businesswoman presses a digitized loading bar symbolizing strategic planning and future readiness against a transparent background, presenting opportunities (KI-unterstützt generiert)

Was wird morgen sein? Die Fähigkeit, nach der Zukunft zu fragen, unterscheidet den Menschen von anderen irdischen Lebewesen. Wir beantworten sie, indem wir unsere allgemeine Welterfahrung mit aktuellen Entwicklungen, die wir beobachten, abgleichen. Die Antwort, die wir so erhalten, kann uns dabei helfen, uns auf das Morgen einzustellen und uns auf Herausforderungen vorzubereiten. So werden wir zukunftsfähig.

Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.

Antoine de Saint-Exupéry

Zukunftsfähig? In der Welt der Wirtschaft wird „Zukunftsfähigkeit“ von Unternehmen und Individuen als Währung gehandelt, mit der der Marktwert eingeschätzt wird – an der Börse wie auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur Unternehmen, sondern sogar ganzen Branchen wird die Eigenschaft zugeschrieben, in der Welt von morgen besonders relevant zu sein: den sogenannten „Zukunftsbranchen“, die oft mit besonderen Technologien („Zukunftstechnologien“) in Verbindung gebracht werden.

Ein besonderes Merkmal dieser Branchen und ihrer Unternehmen: Sie sind technologisch innovativ. Einige der erfolgreichsten unter ihnen begnügen sich dabei nicht einmal damit, dem Maßstab der Innovation gerecht zu werden. Ihr erklärtes Ziel ist vielmehr Disruption: Sie wollen etablierte Strukturen aufbrechen, damit auf der Brache Neues wachsen kann, ohne dass man vorweg sagen kann, was genau dort entstehen soll. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg brachte das 2009 auf den Nenner „Move fast and break things.“

Ist ein Unternehmen also dann besonders „zukunftsfähig“, wenn es technologisch (oder auch auf anderen Feldern) innovativ ist und bewusst Strukturen zerstört, die die Innovationsgeschwindigkeit einschränken könnten? Oder allgemeiner gefragt: Geht es darum, Dinge neu und anders zu machen und dabei das Hergebrachte ohne große Bedenken zu opfern?

Innovation – und was noch?

Wirtschaftswissenschaft und Unternehmensberatungen sind sich einig: Innovation allein reicht nicht aus, um Unternehmen zukunftsfähig zu machen. Die Unternehmensberatung McKinsey etwa hat das Konzept der Organizational Health entwickelt, die nicht nur die Fähigkeit zur Erneuerung umfasst. Der The Future of Jobs Report 2025 des Weltwirtschaftsforums weist auf die Bedeutung von Resilienz und Anpassungsfähigkeit hin. Das Edelman Trust Barometer 2025 thematisiert die Bedeutung von Vertrauen für Wachstum und Innovation.

Vielleicht lässt es sich so zusammenfassen: Im Grunde besteht Zukunftsfähigkeit aus zwei unterschiedlichen Fähigkeiten – der Fähigkeit, Dinge zu ändern, und der Fähigkeit, dabei gleichzeitig stabil zu bleiben.

  • Die Fähigkeit zur Erneuerung: Hier ist die Innovation an ihrem Platz. Die Zukunft wird anders sein als das Heute; sie birgt neue Herausforderungen und neue Chancen. Wer die Herausforderungen bestehen und die Chancen nutzen will, muss bereit sein, sich zu verändern. Um sich an eine neue Zeit anzupassen und sie vielleicht sogar zu prägen, müssen Unternehmen Entwicklungen beobachten, aus fremden und eigenen Erfahrungen lernen, mit alternativen Ansätzen experimentieren und Neues schaffen.
  • Die Fähigkeit zur Wahrung von Stabilität: Gleichzeitig müssen aber Strukturen stabilisiert werden, die das Funktionieren des Unternehmens dauerhaft gewährleisten und die Innovation erst möglich machen. Erneuerungsprozesse nämlich entstehen nicht im luftleeren Raum; sie benötigen eine organisatorische, wirtschaftliche und geistige Basis, aus der sie ihre Ressourcen ziehen und die verhindert, dass sie bei Widerständen in sich zusammenfallen. Nachhaltige Innovation erfordert Resilienz, und diese entsteht durch Stabilität.

Was macht ein Unternehmen stabil?

Stabilität entsteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

  • Robuste Prozesse: Ein stabiles Unternehmen verfügt über Prozesse, die auch weiterfunktionieren, wenn Bedingungen sich ändern. Im Boeing-Beispiel wären das robuste Sicherheits- und Ausbildungsroutinen gewesen, die auch bei Zeitdruck und verfehltem Innovationsmarketing nicht einfach verwässert werden können.
  • Unternehmenskultur: Eine Unternehmenskultur, die durch Werte, Qualitätsansprüche und Vertrauen geprägt ist, kann gewährleisten, dass wichtige Prozesse und Standards nicht unterlaufen oder gar beseitigt werden, weil es auf irgendeiner Management-Ebene gerade opportun erscheint.
  • Klare Führung: In einem stabilen Unternehmen verhindert die Führung, dass Unsicherheit entsteht, welche Vertrauen untergräbt und Prozesse destabilisiert.
  • Finanzielle Stabilität: Eine solide Finanzierung macht Unternehmen resilienter gegen Rückschläge.
  • Vertrauen: Die psychologische Grundlage der Stabilität von Unternehmen ist Vertrauen – von Kunden, von Mitarbeitern und von Investoren. Kunden müssen darauf vertrauen, dass das Unternehmen alle Herausforderungen bei Produkten und Service zeitnah meistert. Mitarbeiter müssen darauf vertrauen, dass ihr Engagement sich für sie persönlich lohnt und dass sie für mutige Entscheidungen nicht sanktioniert werden. Investoren müssen darauf vertrauen, dass ihr finanzieller Einsatz sich irgendwann rentiert. Das Unternehmen muss daher in alle Richtungen Verlässlichkeit vermitteln. Entscheidungen müssen transparent und berechenbar erscheinen, die Kommunikation muss klar und glaubwürdig sein.

Fazit: Krisen bestehen, Chancen nutzen

Die Zukunft birgt nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren, die sich nicht vorhersagen lassen. Dies haben die letzten Jahre mit einer Pandemie, mit Kriegen, Handelsstörungen und Energiekrisen deutlich gezeigt. Um zukunftsfähig zu werden, müssen Unternehmen sich in die Lage versetzen, unter widrigen Bedingungen zu bestehen, für die sich im Vorhinein nicht planen lässt. Sie müssen resilient sein, und dazu bedarf es der Stabilität.

So aufgestellt, ist der Boden für Innovation bereitet, die die zweite Bedingung für Zukunftsfähigkeit darstellt. Denn so wie ein Unternehmen, dass mit den Krisen der Zukunft nicht umgehen kann, auf Dauer nicht innovativ bleibt, so bleibt auch ein Unternehmen, das auf neue Herausforderungen keine neuen Antworten entwickelt, auf Dauer nicht stabil.

Insofern stehen die Ziele Innovation und Stabilität nur scheinbar im Widerspruch – tatsächlich bedingen sie einander. Sie sind die Antwort auf unterschiedliche Fragen, die aber eng miteinander verbunden sind:

Wie können wir die Krisen der Zukunft bestehen? Durch Resilienz und Stabilität.

Wie können wir die Chancen der Zukunft nutzen? Durch Mut und Innovation.

Facebook hat übrigens sein disruptives Motto längst modifiziert. Seit 2014 heißt die Devise „Move fast – with stable infrastructure“…

Text: Thorsten Kleinschmidt


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