Einen gesunden Lebensstil zu pflegen, ist sicherlich eine gute Sache – doch übertreiben sollte man es auch hierbei nicht.
Der Tag beginnt nicht mit Kaffee, sondern mit Zahlen
Noch im Halbdunkel tastet die Hand zum Smartphone. Schlafscore: 82. Nicht optimal. Tiefschlaf leicht unter dem Durchschnitt. Die App empfiehlt, heute früher ins Bett zu gehen. Ein Blick auf die Herzfrequenzvariabilität: leicht gesunken. Vielleicht Stress. Oder das späte Essen gestern. Im Bad folgt der nächste Check: Gewicht, Körperfett, Ruhepuls. In der Küche steht das Frühstück schon fest – Hafer, Beeren, Nüsse, alles abgewogen. Kein Zucker, keine Abweichung.
Wir alle wollen gesund sein und möglichst lange leben. Das war schon immer so. Aber erst in den letzten Jahren ist dieses Ziel auf einen medientauglichen Begriff gebracht worden: Longevity. Im Bereich der Wissenschaft werden unter diesem Etikett Forschungsansätze gebündelt, die den Alterungsprozess verstehen und die Bedingungen für ein langes gesundes Leben zu ermitteln suchen (Longevity-Forschung).
Außerhalb der Forschungsinstitute firmieren unter dem Schlagwort Longevity verschiedene Ansätze und Trends, die für sich in Anspruch nehmen, wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu überführen: Meist geht es darum, die individuelle Lebensführung auf das Ziel eines langen Lebens in möglichst guter Gesundheit auszurichten – durch Sport und Ernährung, Disziplin und Nahrungsergänzung, Arztbesuche, Askese und Achtsamkeit.
Die unausgesprochenen Annahmen sind oft: Ist das Leben gesund, ist es automatisch auch lang. Und ist das Leben gesund und lang, ist es auch gut. So erscheint die Konzentration auf die Optimierung der Gesundheit als eine Art Lebenskunst, deren Sinn über die bloße Gesunderhaltung des eigenen Körpers hinausgeht. Optimierung der Gesundheit wird eine Form der Selbstoptimierung; eine Art der Optimierung des eigenen Lebens.
Es ist ein gutes Leben, eigentlich. Diszipliniert, bewusst, präventiv. Alles im Dienst der Gesundheit. Und doch liegt unter den Routinen ein leiser Druck: das Gefühl, dass jeder Wert besser sein könnte, jede Entscheidung optimierbar, jeder Tag eine neue Gelegenheit – oder ein kleines Versäumnis.
Dass einem solchen Verständnis von Longevity einige Widersprüche innewohnen, wird nicht immer mitgedacht: Auch ein langes Leben endet ja in Krankheit (meist) und Tod (immer). Und Gesundheit reicht in der Regel nicht aus, um das eigene Leben als ein gutes Leben zu empfinden. Trotzdem wollen wir sicher alle am Ziel eines möglichst gesunden langen Lebens festhalten. Nur wie ist das zu erreichen?
Es liegt vielleicht nahe, dass Menschen in einer hochindividualisierten Gesellschaft sich den Weg zu einem besseren und gesünderen Leben oft als einen Prozess der Selbstoptimierung vorstellen. Wie ich lebe, liegt vor allem in meiner eigenen Verantwortung – es geht um mich selbst. Wenn ich mit meinem derzeitigen Leben nicht einverstanden bin, muss ich es verbessern, so gut das eben möglich ist – ich muss es optimieren. Ich bin oft müde, habe Rückenschmerzen, passe nicht mehr in meine Hose? Dann plane ich vielleicht Sport in meinen Alltag ein, lege andere Lebensmittel in den Einkaufswagen und arbeite an meiner Work-Life-Balance. Wenn ich nur selbst meinen Alltag optimal gestalte, so der Gedanke, dann ist Gesundheit die automatische Folge.
Bezogen auf die Gesundheit, sind allerdings beide Aspekte – das „Selbst“ wie auch das „Optimieren“ – nicht ganz unproblematisch.
Selbstheilungskräfte? Wo Selbstfürsorge an Grenzen stößt
Wenn man nach den Erfolgsfaktoren sucht, die ein gesundes hohes Alter ermöglichen, dann ist es nicht nur der langjährige achtsame und fürsorgliche Umgang mit dem eigenen Körper, der Hochbetagte auszeichnet. Die soziale Umwelt spielt eine mindestens ebenso große Rolle.
Arbeitsbedingungen, die der Gesundheit nicht abträglich sind; ein gesicherter Lebensunterhalt; ein stabiles Netz von Kontakten zu Familie, Freunden und Bekannten; eine Aufgabe im Leben; eine intakte natürliche Umwelt; Qualitätsstandards bei Lebensmitteln – dies alles und vieles mehr sind Umstände, deren Bedeutung für Gesundheit und Lebenserwartung längst anerkannt sind. Einsamkeit etwa gilt mittlerweile als bedeutendes Gesundheitsrisiko. Die Gesellschaft, in der wir leben; die Lebenswelt, in die wir uns hineingestellt sehen – sie können der Gesundheit dauerhaft schaden und sind gleichzeitig von uns Einzelnen nur in Grenzen beeinflussbar. Hier bleibt den meisten Menschen wenig Raum für persönliche Optimierung.
Zugespitzt formuliert: Wer sich als Alleinerziehende(r) zwischen anspruchsvollem Vollzeitjob, Kinderbetreuung und Weiterbildung aufreibt, den können teure Nahrungsergänzungsmittel nicht vor dem Burnout retten. Gesundheitsvorsorge ist daher immer auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Optimierung? Wenn Vorsorge zur Last wird
Aber auch die Vorstellung, Gesundheit müsse optimiert werden, wirft Fragen auf. Nicht zufällig ist der Begriff der Optimierung aus den Bereichen Technik und Wirtschaft in die Diskussionen um das gute Leben eingewandert. Dort optimiert man Prozesse, um Effizienz zu steigern. Ob Effizienz aber eine Kategorie ist, mit der sich ein gesundes Leben beschreiben lässt, ist zu bezweifeln.
Wenn auf die Optimierung von Gesundheit dieselbe Art von Energie verwendet wird wie auf die Optimierung von Arbeitsstrukturen, dann entsteht auch dasselbe Problem: Stress. Übersteigerte Selbstoptimierung kann psychische Überlastung zur Folge haben. Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass ehrgeizige gesundheitliche Selbstvorsorge in extremen Fällen zu Zwangsstörungen führen kann. Mit dem Begriff Orthorexie beispielsweise bezeichnet man ein zwanghaftes Essverhalten, bei dem Patienten nur hundertprozentig gesunde Nahrung zu sich nehmen wollen und quasi bei jedem Bissen die gesundheitlichen Vor- und Nachteile der auf dem Teller liegenden Nahrungsmittel abwägen, was in eine schwere Essstörung münden kann.
In der Vielfalt verfügbaren Gesundheitswissens unterschiedlichster Qualität verlieren Menschen schnell die Orientierung, was zu Überforderung führen kann. Technisches Tracking von Gesundheitsdaten, etwa über Sensoren in Smart Watches, und permanente Selbstbeobachtung können Dauerstress bewirken. Das gilt um so mehr, als die richtige Interpretation von Symptomen und Befunden bereits Vorwissen voraussetzt, über das nicht jeder verfügt.
Auf diese Weise können individuelle Strategien, die der Verbesserung der Gesundheit dienen sollen, unter Umständen das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. So zeigte z.B. eine Studie schon 2017, dass gerade die ständige Beobachtung des eigenen Schlafverhaltens mit Hilfe von Schlaftrackern Schlaflosigkeit provozieren kann (Orthosomnia).
Jan Gerber, Leiter der Klinik Paracelsus Recovery in der Schweiz, hat für die kontraproduktive Besessenheit von den Themen Langlebigkeit und Gesundheit den Begriff Longevity Fixation Syndrom geprägt. Er bezeichnet einen Zustand, in dem jedes Körpersignal obsessiv untersucht und behandelt wird – ein stressgetriebenes Übermanagement von Körper und Geist. Die Sorge um die eigene Gesundheit artet hier in ein übersteigertes Kontrollbedürfnis aus, das möglicherweise aus tiefsitzenden Ängsten gespeist wird. Die dieser Gesundheitsfixierung zugrundeliegenden psychischen Probleme werden nicht erst durch die mediale Präsenz des Themas „Longevity“ ausgelöst; sie sind schon vorher vorhanden. Der Körperkult lenkt aber zunächst von der wirklichen Gesundheitsgefährdung durch Stress und Angst ab – und kann diese dann noch verstärken. In den Worten Gerbers: „Es gibt keine Longevity ohne geistige Gesundheit.“
Longevity – ein verfehltes Konzept?
Gesundheit als ein Projekt zur Selbstoptimierung zu betrachten, ist also aus verschiedenen Gründen keine gute Idee. Ist der Ansatz von Longevity als Körpermanagement also eigentlich ein verfehltes Konzept?
Insofern als sich hinter dem Begriff das Ziel eines gesunden, langen Lebens verbirgt, bleibt Longevity ein sinnvolles Ideal, wenn man es von populären Irrtümern befreit:
- Gesundes Altern lässt sich nicht als individuelles Lebensprojekt umsetzen. Alle Gesundheitsbemühungen müssen eingebunden sein in eine Umwelt, die diese erst erfolgversprechend machen.
- Gesundheit ist dabei mehr als die Abwesenheit körperlicher Beschwerden; sie hat eine geistig-seelische Komponente – die auf den Körper zurückwirkt.
- Vergessen sollte man auch nicht: Verstanden als bloße „Langlebigkeit“ ist Longevity ein wenig sinnvolles Ziel, denn auch ein langes Leben kann ein unglückliches Leben sein.
Wenn man all dies im Hinterkopf behält, bleibt die individuelle Sorge für die Bedürfnisse des eigenen Körpers im Alltag ein richtiger Ansatz.
Gesundes Altern: Wie bleibt man, was man ist?
Die Weltgesundheitsorganisation zeichnet in ihrem „Weltbericht über Altern und Gesundheit“ ein weiter gefasstes Bild vom guten Alter. Als Kriterium für gesundes Altern definiert sie „die Aufrechterhaltung der funktionalen Fähigkeit, die Wohlbefinden ermöglicht“. Gesundheit wird dabei als Zustand verstanden, der nicht nur körperliche, sondern auch psychische und soziale Voraussetzungen hat.
Im Kern geht es darum, dass Menschen auch mit steigendem Alter sie selbst bleiben und weiterhin das tun können, was ihnen in ihrem Leben bislang wichtig war. Medizinische Gesundheitsvorsorge ist dabei nur ein Faktor. Genauso wichtig ist eine soziale Umgebung, die der Gesundheit förderlich ist und die es den Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zur Bestreitung eines als sinnvoll empfundenen Alltags zu behalten.
Ein leistungsfähiges Gesundheitssystem ist nicht zu ersetzen. Aber auch dies könnte Teil von Longevity sein: Sich für eine gute Gesellschaft einsetzen, Freundschaften pflegen, Lust aufs Lernen kultivieren und tun, was man gerne tut. Dafür braucht man nicht einmal eine Gesundheitsapp. Ein bisschen Sport treiben und gesund essen sollten Sie natürlich trotzdem.
Text: Thorsten Kleinschmidt