Digitalisierung & Technologie, 26. Februar 2026

Meilenstein auf der Reise hin zum autonomen Fahren

Software Defined Vehicles

Autobahn Verkehr

Auch wenn es um das autonome Fahren sehr ruhig geworden ist, geht die Entwicklung weiter. Immer mehr Hersteller entwickeln ihre Autos nicht mehr als abgeschlossene Produkte – sondern wie Geräte, die sich mithilfe von Software-Updates kontinuierlich weiterentwickeln lassen, ähnlich einem Smartphone. Wie ist der aktuelle Stand der Entwicklung – und wohin geht die Reise?

Seit Mitte der 2010er Jahre hat das autonome Fahren einen festen Platz in den Vorhersagen für die kommenden Tech-Trends. Damals schien es so, als könnten wir heute bereits überwiegend bequem als Passagiere in unseren Autos reisen. Doch ganz so schnell ging es dann doch nicht. Zwar haben wir uns längst an diverse intelligente Fahrassistenzsysteme gewöhnt, doch der Mensch ist nach wie vor überwiegend der Fahrer.

Die Gründe dafür sind vielfältig, wie wir in dem Artikel „Der evolutionäre Weg zum autonomen Auto“ beschrieben haben.

Da ein autonomes Fahrzeug der Stufe 5, bei dem kein Fahrer mehr vorgesehen ist, weiterhin nicht in Sicht ist, stellt sich die Frage nach dem nächsten sinnvollen Evolutionsschritt.

Software Defined Vehicles (SDV) als Zwischenschritt

Bei der traditionellen Fahrzeugfertigung verlässt ein Auto das Werk am Tag der Fertigstellung in seinem besten Zustand. Von diesem Tag an altert es und verliert an Wert. Die verbaute Hardware definiert im Wesentlichen den Funktionsumfang über die gesamte Lebensspanne.

Bei einem SDV existiert dieses starre und unflexible Prinzip nicht mehr in seiner absoluten Form. Zwar setzt die verbaute Hardware immer noch Grenzen, diese sind jedoch flexibler und ermöglichen sogar eine Wertsteigerung innerhalb der Lebensspanne. Denn für digitalisierbare Funktionen stellt die Hardware lediglich den Rahmen bereit, während die Software die Funktionen ermöglicht. Das Auto wird somit anpassbar.

Ein SDV funktioniert ähnlich wie ein Smartphone. Sein Funktionsumfang ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen Hardware und Software. Konkret bedeutet das:

Mit Softwareupdates lassen sich auch nach der Auslieferung an die Kundinnen und Kunden noch Funktionen und Verbesserungen einspielen, die erst später entwickelt wurden.

Beispiel Batterie-Management-System (BMS) bei E-Autos

Durch den Einsatz von KI wurden Entwicklungen ermöglicht, die sich positiv auf die Ladevorgänge, die Lebensdauer und die anschließende Zweitnutzung als stationärer Speicher für die Energiewende auswirken. Das BMS fungiert als Betriebssystem für die Batterie und lässt sich „Over-the-Air“ aktualisieren, ohne dass ein Werkstattbesuch nötig ist.

Durch diese Flexibilität ist ein SDV die perfekte Brücke zum autonomen Fahrzeug der Zukunft. Jedes autonome Fahrzeug benötigt eine zentrale Recheneinheit zur Verarbeitung der massiven Datenmengen aus der eigenen Sensorik und aus fremden Datenströmen. Letztere stellen heute noch eine größere Hürde dar.

Während Autohersteller alle nötigen Sensoren in ihre Fahrzeuge integrieren können, wird der Aufbau der entsprechenden Infrastruktur mehr Zeit in Anspruch nehmen. Dazu gehören beispielsweise Fahrbahnmarkierungen, die auf die sensorische Verarbeitung optimiert sind. Autofahrer mit einem Lane-Assistant (Spurhalteassistent), der in Neufahrzeugen seit 2024 Pflicht ist, kennen Situationen, in denen doppelte Weiß-Gelb-Markierungen in Baustellen zu Irritationen der Sensoren führen. In einem SDV könnte ein Software-Update für eine schnelle Verbesserung sorgen, in herkömmlichen Fahrzeugen wäre dies hingegen nicht möglich.

Die Autohersteller gewinnen mit den SDVs Zeit für den sukzessiven Aufbau verschiedener Assistenzsysteme und können genau die Funktionen umsetzen, für die es bereits die nötige Infrastruktur gibt. Gleichzeitig verlieren sie keine Zeit bei der Entwicklung vollautonomer Fahrzeuge – denn diese stehen weiterhin am Ende der SDV-Entwicklung.

Die Herausforderungen und Chancen für die Automobilkonzerne

Die Entwicklung von SDVs stellt die Autokonzerne zwar vor neue Herausforderungen, eröffnet ihnen aber auch Chancen, sich zukunftsfähig aufzustellen. Die größte Herausforderung dürfte dabei das grundlegende Betriebssystem sein. Anstatt auf jahrzehntelange Erfahrung aufbauen zu können, müssen sich die Hersteller die Expertise für die Entwicklung der Software erst noch aufbauen. Dafür benötigen sie komplett neue Teams, Arbeitsabläufe und Denkweisen.

Zum Kulturwandel gehört auch die Abkehr von bisherigen Geschäftsmodellen und Fertigungsprozessen. Autobauer müssen lernen, wie Anbieter von Mobile Devices zu denken. Anstatt wie bisher in 7-Jahres-Zyklen zu denken, müssen sie lernen, mit agilen Prozessen zu arbeiten. Das ist schon deshalb notwendig, weil SDVs als vernetzte Fahrzeuge anfälliger für Cyberangriffe und Software-Bugs sind. Viele Software-Updates werden daher Sicherheitslücken schließen und kleinere Fehler beheben. Auch das ist letztlich eine Parallele zum Smartphone.

SDVs bieten den Herstellern aber auch einige Chancen. So können sie beispielsweise einen engen Kundenkontakt aufbauen und über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs mit den Kunden in Verbindung bleiben. Dadurch ergeben sich vollkommen neue Erlösmodelle, wie Abonnements für neue Funktionen oder „Features on Demand“, also neue Funktionen per Software-Upgrade. Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um neu entwickelte Features handeln, es kann sich auch um die Freischaltung von Funktionen handeln, für die der Kunde bei der Kaufkonfiguration noch keinen Bedarf hatte.

Einen weiteren Vorteil gibt es bei der Produktion. Die Verwendung einer zentralen Recheneinheit ermöglicht eine effizientere Herstellung, da weniger Varianten notwendig sind. Ähnlich wie bei wesentlichen Fahrzeugkomponenten (Chassis, Antriebsstrang, E/E-Architektur) können die Hersteller auch hier eine Plattformstrategie verfolgen und verschiedene Modelle nach dem Baukastenprinzip entwickeln. Sie sparen dadurch Entwicklungszeit und profitieren von Skalierungseffekten.

Was ändert sich für Autofahrer?

Der größte Vorteil ist, dass sie deutlich länger mit einem technisch auf dem neuesten Stand befindlichen Fahrzeug unterwegs sein können. Anstatt nach dem Kauf nur noch an Wert zu verlieren, können regelmäßige Over-the-Air-Updates sogar für eine Wertsteigerung sorgen.

SDVs lassen sich auch hochgradig personalisieren. Über definierbare Nutzerprofile können persönliche Einstellungen wie Sitz- und Lenkradposition, Fahrwerkseinstellungen oder die persönliche Wohlfühltemperatur per Knopfdruck geladen werden. Das ist besonders für Fahrzeuge interessant, die von mehreren Personen benutzt werden.

SDV-Besitzer werden es außerdem zu schätzen wissen, wenn sie nicht für jedes Konstruktionsproblem per Rückruf in die Werkstatt müssen. Bei vielen dieser kleinen Probleme müssen bei herkömmlichen Fahrzeugen die separaten Steuereinheiten ausgetauscht oder optimiert werden, was nur in einer Vertragswerkstatt möglich ist. Bei einem SDV können solche Optimierungen dagegen über Nacht eingespielt werden und die Besitzer werden davon mit einer Nachricht auf dem Smartphone unterrichtet, wenn alles schon erledigt ist.

Wo Licht ist, findet sich auch Schatten. Die Möglichkeit, neue Funktionen per Software-Update anzubieten, werden die Autohersteller als neue Einnahmequelle nutzen. Die potenzielle Wertsteigerung über die Lebensdauer wird es also voraussichtlich nicht gratis geben. Verbraucher sollten vor allem bei Abo- und Pay-per-Use-Modellen aufpassen, da diese unter Umständen erhebliche laufende Kosten verursachen können. Auch sollten sie im Blick behalten, wie die Anbieter den Datenschutz umsetzen. Der Vorteil softwarebasierter Funktionen kann zum Nachteil werden, wenn die Software nicht einwandfrei funktioniert. Ein größerer Softwarefehler könnte theoretisch sogar das gesamte Fahrzeug lahmlegen.

Status quo der SDVs

Softwaredefinierte Fahrzeuge befinden sich Anfang 2026 noch in der frühen Industrialisierungsphase. Während wesentliche Kernkomponenten bereits existieren und viele Hersteller schon SDV-Plattformen entwickelt haben, steht die breite Markteinführung noch aus. Die großen OEMs konzentrieren sich zunächst auf das Premium-Segment und auf Flotten, da sich hier die enormen Entwicklungskosten besser amortisieren lassen.

Fazit: Autos werden zum Mobile Device

Es spricht sehr viel dafür, dass Autos in Zukunft von ihrer Software definiert werden. Die genannten Chancen und Vorteile scheinen deutlich größer zu sein als die Herausforderungen und Nachteile. Für die Verbraucher wird insbesondere folgende Frage spannend sein: Schaffen die etablierten Automobilhersteller den umfangreichen Wandel oder werden sie von Tech-Unternehmen überholt, für die Software bereits das Kernprodukt darstellt? Letztere haben durchaus einen gewissen Vorteil, wenn die Kundschaft nicht mehr nach PS und Hubraum fragen, sondern nach Rechenleistung und Update-Garantien.

Text: Falk Hedemann


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