Digitalisierung & Technologie, 5. Februar 2026

Künstliche Intelligenz in der Kunstbewertung

Chancen, Grenzen und Auswirkungen auf die Kunstversicherung

ERGO Fine Art & Specialty Team

ERGO Fine Art & Specialty
Dr. Louisa Krämer-Weidenhaupt, Underwriter Fine Art & Specialty / Pascal Paris Hecht, Underwriter Fine Art & Specialty / Dr. Ingo Brunzlow: Underwriter Fine Art & Specialty / Eduard Stückelmaier: Head of Marine Specialty / Tobias Klass, Claims Counsel Fine Art & Specialty

Künstliche Intelligenz macht auch vor der Kunstwelt keinen Halt. Sie verändert Bewertungsprozesse, Marktpreisprognosen und damit auch die Kunstversicherung – in einer Geschwindigkeit, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Die Chancen sind groß, die Grenzen jedoch ebenfalls. Ein Gastbeitrag von Louisa Krämer-Weidenhaupt, Kunstexpertin und Underwriterin bei der ERGO Versicherung AG.

Neue Potenziale in Bewertung, Dokumentation und Schadenprävention

KI kann sogenannte Fair-Value-Analysen vereinfachen und Marktpreise schneller und präziser bestimmen – ein Gewinn für die Kunstversicherung. Doch bei jungen Künstlern fehlen oft belastbare Daten, und während die Maschine Stile und Materialien erkennt, bleibt menschliche Begeisterung oder Spekulation schwer messbar. Diskurse lassen sich zwar auswerten, eine unbeaufsichtigte Interpretation birgt aber Risiken. Auch in der Katalogisierung beschleunigt KI Prozesse erheblich. Sie gleicht Provenienzangaben mit internationalen Datenbanken ab, erkennt Unstimmigkeiten oder verdächtige Transaktionen – ein wichtiger Beitrag zur Geldwäscheprävention. Noch bestehen jedoch strukturelle Hürden: Viele Provenienzen sind unvollständig, private Verkaufsdaten bleiben fragmentarisch, und Mehrdeutigkeiten erfordern weiterhin menschliche Expertise.

Aus logistischer Sicht verbessert KI die Risikobewertung, indem sie Schadensszenarien modelliert. Sensorik kann Temperaturschwankungen oder Feuchtigkeit überwachen, Modelle Umweltgefahren vorhersagen. So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass etwa eine Skulptur nach falscher Etikettierung im Messebetrieb verloren geht. Digitale Überwachung macht Transportrisiken transparenter und vermeidbarer.

Werkzeuge in der Echtheitsprüfung

Während Bewertung und Prävention bereits profitieren, ist im Bereich Authentifizierung noch Vorsicht geboten. KI-Systeme analysieren Pinselstriche, Pigmente oder Materialstrukturen und identifizieren Fälschungen oft schneller als Menschen. Das Startup Art Recognition etwa zeigt, dass KI mit rund 90 Prozent Wahrscheinlichkeit die Zuschreibung von „Samson und Delilah“ in der Londoner National Gallery infrage stellt. Doch die Trainingsdaten sind teils lückenhaft – vor allem bei wenig bekannten Künstlerinnen und Künstler ohne umfassende Kataloge und/oder bei alten Meistern.

Und es bleibt Raum für Intuition: Der Gedankensprung, dass ein Zeitungsausschnitt in einer dadaistischen Kollage eine Erfindung zitiert, die erst Jahre später erschien, wird weiterhin von Menschen gemacht. Noch erfordert die Echtheitsprüfung menschliche Expertise, um KI-Ergebnisse einzuordnen. Sie ist heute ein wichtiges Werkzeug – aber nur im Zusammenspiel mit Laboranalysen, Provenienzforschung und kunsthistorischem Wissen entsteht ein verlässliches Gesamtbild.

Mensch und Maschine im Dialog

KI bietet der Kunstversicherung enorme Effizienz-, Analyse- und Präventionspotenziale. Sie vereinfacht Bewertungen, erleichtert Dokumentationen und modelliert Risiken. Doch sie ersetzt menschliches Urteilsvermögen noch nicht. Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder, sondern im Miteinander – KI als Werkzeug, das Prozesse beschleunigt, und Expert:innen, die diese klug und verantwortungsvoll nutzen. Und was heute noch Grenzen hat, ist womöglich schon bald Standard. Denn der technische Fortschritt hat uns schon oft überrascht.

Text: Louisa Krämer-Weidenhaupt

Hinweis: Dieser Gastbeitrag ist zuerst erschienen im Rahmen der KI-Kolumne "Prompt! KI im Fokus" im Focus Money Versicherungsprofi.


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