Digitalisierung & Technologie, 19. Juni 2026

KI-Fomo – die Angst, abgehängt zu werden

Eine Kolumne von Digitalexperte Markus Sekulla

Junge Frau, die Angst vor digital overload hat

Fomo (Fear of missing out) hat sich verändert. Früher ging es um Strandfotos anderer Leute. Heute geht es darum, in einer technologischen Revolution abgehängt zu werden. Unser Kolumnist Markus Sekulla über das Gefühl, dass man nicht der mit dem Rechenschieber sein möchte, wenn die anderen einen Taschenrechner benutzen.

Neulich auf einer Geburtstagsfeier. Ein Bekannter, Mitte 40, irgendwas mit Vertrieb, steht neben mir am Grill und fragt: „Du, dieses Claude. Muss ich das können?" Er sagt es so, wie man den Arzt fragt, ob der Fleck am Arm was Schlimmes ist. Nicht neugierig. Eher besorgt.

Ich sage: Ja, beschäftige dich damit. Er nickt. Dann fragt er: „Aber wo fang ich an? Ich google das und krieg 40 Kurse angezeigt. Prompt Engineering, Agenten, Workflows. Ich hab das Gefühl, der Zug ist längst abgefahren."

Die Antwort, die ich ihm gebe, ist die eine gute Nachricht: Der Zug ist nicht abgefahren. Es gibt nicht mal einen Fahrplan.

Zwei Sorten Fomo

Am besten kann ich die Arten von KI-Fomo in einer Matrix beschreiben. Auf der X-Achse: Beschäftigt sich mit KI oder nicht. Auf der Y-Achse: Hat Vorkenntnisse oder nicht. Fomo kommt vor allem in den beiden Extremen vor.

Da sind die Neulinge wie mein Bekannter. Die, die noch nicht richtig angefangen haben und auf den Berg an Tools, Begriffen und LinkedIn-Posts schauen wie auf eine Speisekarte mit chinesischen Schriftzeichen. Diese Gruppe denkt: Alle anderen sind schon viel weiter.

Dann gibt es die zweite Gruppe. Die, die schon mittendrin sind. Die seit Jahren prompten, Tools testen, Workflows bauen. Und die morgens durch ihren Feed scrollen und Peers sehen, die mit einem einzigen Prompt in vier Minuten erledigt hat, wofür sie gestern zwei Stunden gebraucht haben. Tokenmaxxing, Nachzahlungen wegen aufgebrauchter Limits, und trotzdem das nagende Gefühl: Es reicht nicht.

Willkommen im Club Fomo.

Die Forschung legt nahe, dass höhere KI-Kompetenz die Angst senken kann. Aber aus meinem beruflichen Umfeld weiß ich: Alle, die tief in der Bubble stecken, kennen die andere Seite: Du weißt immer mehr, aber du siehst eben auch immer mehr, was du nicht weißt. Und was andere offenbar schon können.

Angst auf allen Ebenen

Was das Thema so durchdringend macht: Es betrifft nicht nur Einzelne. Auch Unternehmen haben Fomo. Wer liest, wie der Wettbewerber gerade KI eingeführt hat und damit Kosten spart, spürt das sofort.

Und dann ist da die geopolitische Ebene. Anfang Juni hat die US-Regierung den Zugang zu den neuesten Anthropic-Modellen Claude Fable 5 und Mythos 5 weltweit eingeschränkt. Aus Sicherheitsgründen, heißt es. Die EU verhandelt seitdem mit Anthropic und Washington um Zugang zu Technologie, die sie nicht selbst gebaut hat. Ein Sprecher der Europäischen Kommission sagte, Europa müsse seine technologische Souveränität stärken. Ursula, Friedrich und Emmanuel haben in diesem Moment nicht weniger Angst, den Anschluss zu verlieren, als mein Bekannter am Grill.

 

KI-Wissen ist ein bewegliches Ziel

Es gibt diesen Satz, den man mittlerweile auf jeder zweiten Konferenz-Keynote hört: „KI wird dich nicht ersetzen. Aber jemand, der KI versteht, schon." Geprägt wurde er 2022 vom Ökonomen Richard Baldwin auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Seitdem hat ihn gefühlt jeder Keynote-Speaker einmal recycelt.

Ich finde, der Satz stimmt nicht mehr. Aber natürlich hat er uns vier Jahre lang Angst gemacht, wir werden den Zug verpassen.

Und das ist die schlechte Nachricht, die zur guten gehört: Es reicht nicht, einmal einen Kurs zu machen und sich ein Zertifikat an die Wand zu hängen. KI ist nicht Excel, das man einmal lernt und dann einen Schein hat. KI verändert sich ständig. Was im Januar State of the Art war, ist im Juni eine Fußnote.

Das (urdeutsche) „Da habe ich einen Schein, das kann ich jetzt" funktioniert bei KI nicht.

Aber diese Tipps könnten funktionieren:

  1. Neugier schlägt Vollständigkeit. Wer einen Prompt ausprobiert und verstanden hat, warum der funktioniert, ist weiter als jemand, der zwanzig Tool-Listen abgespeichert und keine davon geöffnet hat.
  2. Social Media Feeds als das sehen, was sie sind. Social Media ist voll von Leuten, die mit ihren KI-Ergebnissen prahlen, als hätten sie gerade die Mondlandung nachgestellt. Die Wahrheit ist: Die meisten davon experimentieren genauso wie wir. Ähnlich wie auf Instagram wird auch auf LinkedIn vor allem der Highlight Reel gezeigt.
  3. Autodidaktisch anfangen. Ich habe mir mein KI-Wissen selbst beigebracht. Jeden Tag ein Video auf YouTube, und nach einigen Wochen hat man einen guten Überblick. Ich verlinke unten ein paar Kanäle meines Vertrauens. Der Vorteil: minimaler Zeiteinsatz, maximales Gefühl, am Puls der Zeit zu sein. Keine Lust auf Videos? Ein Newsletter tut es auch. Oder die umfangreichen Materialien, die Anthropic zum Beispiel selbst zur Verfügung stellt.
  4. Ein konkretes Problem lösen, kein abstraktes Wissen aufbauen. Nicht: „Ich muss KI lernen." Sondern: „Kann KI mir helfen, dieses eine Ding schneller oder besser zu machen?" Der Weg dahin ist meistens kürzer, als man denkt. Einfach mal bei Gamma eine Präsentation zu einem Hobby bauen. Oder ChatGPT fragen, wie man eine Reise plant. Wer nicht anfängt und ins Tun kommt, ist irgendwann der mit dem Rechenschieber, während die anderen längst einen Taschenrechner haben.

tl;dr

KI-Fomo fühlt sich an wie Torschlusspanik. Aber das Tor fällt nicht zu. Es geht gerade erst auf. Wer jetzt anfängt, ist nicht zu spät dran. Wer jetzt anfängt, gehört zur frühen Hälfte. Fomo lähmt. Und das sollte uns nicht zum Verhängnis werden. In zehn Jahren werden wir auf diesen Moment zurückblicken wie auf die Leute, die 1998 gesagt haben: „Internet? Das setzt sich nicht durch." Diesmal dreht sich das Karussell schneller. Aufspringen geht noch. Rechenschieber weglegen, Taschenrechner nehmen, anfangen.

 

Meine favorisierten YT Kanäle:

https://www.youtube.com/@princeeliot

https://www.youtube.com/@SandeepSwadia

https://www.youtube.com/@JeffSu

https://www.youtube.com/@TinaHuang1

https://www.youtube.com/@futurepedia_io


Ihre Meinung
Wenn Sie uns Ihre Meinung zu diesem Beitrag mitteilen möchten, senden Sie uns bitte eine E-Mail an: radar@ergo.de

Autor: Markus Sekulla, Digitalberater

Markus Sekulla ist Kommunikationsberater aus Düsseldorf, spezialisiert auf Executive Positioning, PR, Content Creation und den Einsatz von KI in der Kommunikation.

Markus Sekulla  – Freiberuflicher Digitalberater

Weitere Magazin-Beiträge