Das deutsche Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen: Fachkräftemangel, Unterfinanzierung, steigender Versorgungsbedarf und Überlastung der Beschäftigten erfordern neue, innovative Lösungen. Digitale Technologien können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. In diesem Artikel zeigen wir wichtige Trends im Bereich Digital Health auf, die die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantreiben können.
Die verschiedenen Herausforderungen im Gesundheitswesen sind für sich genommen schon enorm, verstärken sich aber zum Teil auch noch gegenseitig. So trifft der Fachkräftemangel auf eine zunehmend alternde Gesellschaft mit steigendem Versorgungsbedarf. Gleichzeitig werden die finanziellen Ressourcen knapper und die hohe Arbeitsbelastung macht die verschiedenen Berufe im Gesundheitswesen nicht attraktiver. In der Folge verschärft sich der Fachkräftemangel weiter.
Digital Health als Lösungsansatz
Bei der digitalen Transformation einer Branche geht es nicht nur darum, analoge Prozesse in digitale umzuwandeln. Vielmehr bieten digitale Technologien völlig neue Möglichkeiten, die es in der rein analogen Welt zuvor nicht gab. Sie haben das Potenzial, Arbeitsabläufe zu optimieren, Ressourcen effizienter zu nutzen und gleichzeitig die Qualität der Versorgung zu verbessern. Sie ermöglichen eine Verlagerung von der reaktiven zur präventiven Medizin und schaffen neue, weniger personal- und kostenintensive Wege der Patientenversorgung und -beteiligung. Dabei geht es nicht um den Ersatz menschlicher Arbeit, sondern um deren sinnvolle Ergänzung und Unterstützung durch digitale Werkzeuge und Prozesse.
Digitale Technologien tragen somit direkt und indirekt zur Lösung aktueller Herausforderungen bei. So können sie beispielsweise direkt eingesetzt werden, um die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Das schont Ressourcen und macht die medizinischen Berufe indirekt wieder attraktiver.
Wie digitale Technologien Ärzte und Patienten unterstützen
Apps auf Rezept
Seit 2019 können bestimmte Apps, vor allem für Smartphones und Tablets, aber auch für Laptops und PCs, vom Arzt auf Rezept verordnet werden. Die Kosten für diese „digitalen Gesundheitsanwendungen“ (DiGA) werden dann von den Krankenkassen übernommen. Diese „Apps auf Rezept“ unterstützen zum Beispiel die Behandlung von chronischen Krankheiten, psychischen Störungen oder Stoffwechselerkrankungen. Sie können therapeutische Übungen anleiten, Symptome dokumentieren und den Behandlungsverlauf überwachen.
Damit entlasten sie nicht nur das medizinische Personal, sondern ermöglichen auch eine kontinuierlichere Betreuung der Patienten zwischen den Arztbesuchen. Gleichzeitig ermöglichen sie es den Patienten, aktiv an ihrer Genesung mitzuwirken. Dies erfordert allerdings auch ein gewisses Maß an Eigenverantwortung der Patienten und die Bereitschaft der Ärzte, mit diesen Anwendungen zu arbeiten.
Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) führt eine öffentliche Liste aller registrierten Gesundheitsapps: DiGA-Verzeichnis.
Digital Patient Empowerment
Die Gesundheitsapps sind Teil des Grundgedankens einer aktiven Beteiligung der Patienten am Behandlungsprozess, dem sogenannten „Digital Patient Empowerment“, kurz DPE. Kernstück ist dabei die elektronische Patientenakte (ePA), die die medizinische Behandlungshistorie des Patienten lückenlos dokumentiert: Rezepte, Arztbriefe, Laborwerte, Röntgenbilder, CT-Aufnahmen, Medikation und sogar persönliche Daten, zum Beispiel aus Gesundheitstrackern und Patientennotizen, ergeben ein ganzheitliches Bild des Gesundheitszustandes.
Zur Patientenbeteiligung gehört die verständliche Information über Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten durch den Arzt, aber auch die Dokumentation des Krankheitsverlaufs durch den Patienten. Zusätzliche Informationsquellen (z.B. Online-Portale) können hier unterstützend wirken. Ziel der DPE ist es, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen und ihn zum Manager seiner eigenen Gesundheit zu machen. In der Praxis kann dies jedoch nur gelingen, wenn die betroffenen Patienten einerseits in der Lage sind, diese aktive Rolle zu übernehmen. Zum anderen müssen sie dies auch wollen. Sind beide Voraussetzungen erfüllt, können informierte und eigenverantwortlich handelnde Patienten zu einer erheblichen Entlastung des Gesundheitssystems beitragen.
Wearable Devices
Digitale Geräte wie Smartwatches, Fitnessarmbänder und andere tragbare Sensoren können insbesondere zur Überwachung chronischer Erkrankungen eingesetzt werden. Moderne Wearable Devices messen nicht mehr nur die körperliche Aktivität, sondern können auch die Herzfrequenz, die Sauerstoffsättigung im Blut oder sogar EKG-Daten erfassen.
Diese Daten können für eine präzisere Diagnose, aber auch für die Langzeitüberwachung oder Therapieplanung genutzt werden. Das medizinische Personal erhält so ein umfassendes Bild über den Gesundheitszustand, ohne dass der Betreuungsaufwand steigt.
Auch die Patienten können davon profitieren. So können beispielsweise Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel mit einem auf die Haut geklebten Sensor überwachen und über eine Smartphone-App abrufen. Bei zu hohen oder zu niedrigen Werten wird rund um die Uhr automatisch ein Alarm ausgelöst. Die behandelnden Ärzte können den Verlauf der Glukosewerte nutzen, um die Therapie zu optimieren.
Remote Patient Monitoring
Ein besonders vielversprechender Ansatz zur Entlastung des Gesundheitssystems ist das Remote Patient Monitoring. Dabei werden verschiedene Technologien wie Sensorik, Telematikinfrastruktur und digitale Kommunikationsplattformen kombiniert, um eine effektive Fernüberwachung von Gesundheitszuständen außerhalb von Kliniken und Arztpraxen zu ermöglichen.
Remote Patient Monitoring ist besonders wertvoll für die Behandlung chronischer Krankheiten, für ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität und als zusätzliches Angebot in ländlichen Gebieten. Die Grundidee ist, Verschlechterungen des Gesundheitszustandes frühzeitig zu erkennen und durch gezielte Maßnahmen so zu behandeln, dass unnötige Krankenhausaufenthalte vermieden werden können.
Ausblick: Digital Health eröffnet neue Perspektiven
Die digitale Transformation des Gesundheitswesens steht zwar noch am Anfang, zeigt aber bereits vielversprechende Perspektiven für die Bewältigung aktueller Herausforderungen auf. Die vorgestellten Entwicklungen - von Apps auf Rezept über Digital Patient Empowerment und Wearable Devices bis hin zu Remote Monitoring - sind wichtige Bausteine für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem.
Der Erfolg dieser Transformation wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit es gelingt, digitale Innovationen in bestehende Versorgungsstrukturen zu integrieren und sowohl das medizinische Personal als auch die Patienten auf diesem Weg mitzunehmen. Entscheidend wird sein, dass die Digitalisierung nicht als Selbstzweck, sondern als Instrument zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung bei gleichzeitiger Entlastung des Systems verstanden wird.
Text: Falk Hedemann